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The Backdoors live im Consortium Harburg
©
www.harburg-nightlife.de,5.3.2011
doorsfeeling im 21. jahrhundert
©
Nina
Schober
©
by
Martina Plieger
Texte ©
Iris Wilke NEW: Sammlung / Der Erde Rache
Eine
heiße Nacht mit den Backdoors im Logo
Einfach
wunderbar in der Wunderbar Die Tür Party
mit den Backdoors!
Eine
heiße Nacht mit den Backdoors im Logo
In
diesen heißen Tagen konnte man in meiner kleinen Dachkammerwohnung nur in den Nächten
konzentriert arbeiten. Auch mein Sohn nutzte den kühlen Windhauch der Nächte,
um seine Programme in den Computer zu tippen. Ich merkte oft nicht, wie schnell
die Zeit verging und war überrascht, wenn die Morgendämmerung schon
hereinbrach. Ich hatte mich auch auf den Highway zum Ende der Nacht begeben.
Aber meine Reise führte mich nur immer tiefer in den Buchstabenwald. Die Zeilen
auf dem Monitor waren dabei das Einzige, was sich bei meiner Reise in die
Morgendämmerung wirklich bewegte. In dieser Zeit war der Gedanke an ein Konzert
eine willkommene Ablenkung. In der Nacht vor dem Auftritt der Backdoors lief ich
noch einmal zur Tankstelle, um erfrischende Getränke zu holen. Dabei entdeckte
ich ein strahlendes Licht am Himmel, das sich langsam über das Dach unseres
Hauses bewegte. Es war die Raumstation ISS, die zu dieser Stunde über Hamburg
schwebte. Manchmal sind Himmelszeichen Vorboten für ein schönes Ereignis.
Das
Logo ist ein kleiner Musikclub, der sich mitten im Uni-Viertel befindet. Das
Konzert der Backdoors sollte um 21 Uhr beginnen. Ich hatte zwei Eintrittskarten
besorgt, weil mein Sohn den Auftritt der Backdoors auch nicht verpassen wollte.
Eigentlich hört er gerne Rap und Techno, aber die Musik der Doors kann ihn auch
immer noch begeistern. Eine Stunde vor Beginn der Show fand ich ihn schlafend
auf dem Sofa, weil er die Nacht vor dem Computer verbracht hatte. Am
Abend hatte der Schlaf ihn einfach übermannt und eingeholt.
Es dauerte eine ganze Weile, bis ich ihn aus seinem Tiefschlaf wecken
konnte. Er war ganz erschrocken, dass es schon so spät war. In aller Eile
machte er sich frisch, dann liefen wir zum Bahnhof.
An
diesem Abend erhitzte die Sonne immer noch den Asphalt und die Menschen waren
wohl alle in den kühlen Schatten ihrer Wohnungen oder ans Meer geflüchtet. In
der S-Bahn saßen nur vier junge Mädchen, die sich für ein Vergnügen am
Wochenende hübsch gemacht hatten. Auch am Bahnhof Dammtor wirkte alles wie
ausgestorben. Hier wälzten sich sonst immer die Massen über die große
Verkehrsstraße. Wir sahen nur drei junge Männer in aller Eile einen Bus
ergattern, den wir eigentlich auch erreichen wollten. Ich sah auf die Uhr. Das
Konzert hatte schon begonnen. Wir entschlossen uns, den kurzen Weg zu Fuß zurückzulegen,
dann würden wir nur zehn Minuten zu spät kommen.
Im
Hellblau des Himmels war kein einziges Wölkchen zu sehen. Dieser Himmel wirkte
auch zu dieser späten Stunde immer noch so grell wie eine Leinwand. Nur die Häuser
glühten im Schimmer der
untergehenden Sonne. Die Blätter der Bäume hingen schlaff an den Ästen. Es
waren kaum Autos unterwegs. Eine seltsame Stille hatte sich um das Logo gelegt.
Vor dem Eingang hatten sich einige junge Leute versammelt, die einen ganz verträumten
Eindruck machten.
Als
wir durch die Türe schritten, hatte ich zuerst den Eindruck, ich würde mich in
einer dunklen Höhle befinden. Es dauerte eine Weile, bis ich den jungen Mann
hinter dem Tresen erkennen konnte. Er wirkte elegant und höflich, als er die
Karten abriss und zart den Stempel auf das Handgelenk drückte. Seine ätherische
Schönheit konnte mich für einen Moment bezaubern.
Die
nächsten Schritte führten uns direkt an den Ort des Geschehens. Die Band war
in voller Aktion. Ich war froh, dass der Laden nicht gerammelt voll war, denn
auch in diesen dunklen Räumen war es so warm wie in einer Schwitzhütte. Direkt
vor der Bühne gab es noch einen kleinen Freiraum, die Zuschauer hatten sich
alle um den Tresen herum versammelt. In der Dunkelheit konnte ich nur wenige
Gesichter erkennen, aber mein erster Eindruck war, dass sich hier junge und
wache Geister zusammengefunden hatten. Das Publikum war erste Sahne! Leider
konnte ich in der Dunkelheit Jim Lizardking und seine Freundin nicht ausmachen.
Diese lieben Freunde gehörten an diesem Abend zum innersten Kern der Hamburger
Doors- Fangemeinde. Ich wollte aber auch nicht weiter suchen, denn der Sänger
der Backdoors nahm mich gleich gefangen.
Die
Ähnlichkeit mit Jim Morrison war unverkennbar. Er trug eine Lederhose und ein
schwarzes Hemd. Sein brauner Lockenkopf und die Hüften wiegten sich im Rhythmus
der Musik. Der ganze Körper wiegte sich in einem Blues. Mir fiel sofort auf,
dass diese Ähnlichkeit nicht absichtlich herbeigerufen war. Der Sänger trug
keine Maske zur Schau. Allein die Natur musste sich etwas dabei gedacht haben.
Ein Sänger, der die Songs von Jim Morrison auf einer Bühne vortragen will,
muss Wärme ausstrahlen. Er muss intelligent sein, aber er darf dabei nicht kühl
und distanziert wirken. Er muss Charme haben, darf schelmisch lächeln, aber
irgendwann muss er alle Emotionen rauslassen. Er muss Kraft haben und männlich
wirken, aber er muss dabei aber auch den sensiblen Poeten verkörpern. In jedem
Fall muss er mit seiner Stimme einen literarischen, hoch poetischen Text
transportieren. Einfach gesagt: Er muss es rüber bringen! Der Sänger der
Backdoors schien diese hochbrisante Mischung aus den verschiedensten
Charaktereigenschaften von Natur aus in seinem Wesen vereinigt zu haben. Auch
seine Stimme entsprach dem Vorbild. Der sanfte Bariton umgarnte
das Publikum.
Die
Gruppe legte langsam los und spielte „Break On Through“. Die ersten Tänzer
eroberten den Freiraum vor der Bühne. Zuerst waren es ganz junge Männer, aber
bald gesellten sich auch die Frauen dazu. Sie hüpften wie ausgelassene Kinder
im roten Scheinwerferlicht. Nach einer Weile hatte ich aber ganz vergessen, dass
diese Gruppe einen Song von den Doors spielte. Die Musik der Backdoors
entwickelte einen ganz eigenen Charakter. Die Gruppe baute eigene
Improvisationen in die Stücke ein, die an diesem Abend alles ins Fließen
brachte. Es war deutlich zu merken, dass die Backdoors nicht nur einfach die
Songs der Doors herunterspulen wollten. Sie wollten nicht nur ein Spiegelbild
sein. In dieser Musik lag eine ganz eigene Seele, die sich im Dialog mit dem
Publikum langsam entfaltete. Während der Schamane auf der Bühne seinen Blues
sang, kamen mir die Augen meines Sohnes ganz entrückt vor.
Endlich
konnte ich in der Dunkelheit Jim Lizardking und seine Freundin Nina erkennen.
Jim winkte mir zu, und ich musste ihm gleich bestätigen, dass die Backdoors
einfach klasse waren. Er hatte mir nicht zu viel versprochen. Nina reichte mir
die Hand und wirkte so frisch und hübsch, als könne ihr die Hitze nichts
anhaben. Die Stimmung in dem kleinen Laden wurde immer besser, obwohl es immer
heißer wurde. Ich ging zum Tresen, holte mir ein Bier und betrachtete die
Musiker. Der Sänger ließ gerade einen infernalischen Schrei los und sank dann
zu Boden. Der schlanke Keyboarder hatte ein markantes Profil und hockte in
voller Konzentration über den Tasten. Eine junge Frau mit langen Haaren spielte
ganz entspannt den Bass. Ihr Rücken war leicht zurückgelehnt und ein Lächeln
huschte über ihr Gesicht. Der Schlagzeuger saß souverän auf seinem Hocker. Er
hatte das absolute Gehör für die richtige Lautstärke und untermalte gerade
den Fall des Sängers. Der Gitarrist trug einen goldbestickten Hut und
wirkte sehr gelassen. Er verlieh
der Musik einen Hauch von Exotik und setzte zu einem Solo an, das die Zuschauer
gefangen nahm.
Bald
war das Publikum in eine leichte Trance geraten. Aber dann spielte die Gruppe
heitere Liebeslieder, die Jim Morrison komponiert hatte. Auf einmal hörte ich,
wie einige Zuschauer mitsangen. Im Publikum hatte sich ein kleiner Chor
gebildet. Anscheinend kannten diese jungen Leute alle Texte der Doors auswendig.
Einige liefen zur Bühne und der Sänger ließ sich von einem jungen Mann mit
aschblonden Haaren zu einem Duett hinreißen. Danach machten die Backdoors eine
Pause.
Jim
Lizardking lotste mich in den kleinen Raum hinter der Bühne. Die Backdoors
hatten sich dort mit einigen Freunden um einen Tisch versammelt. Die Stimmung
war heiter und fröhlich. In diesem Moment kam mir die Frage in den Sinn, wie
die Backdoors wohl den Song „End Of The Night“ interpretieren würden. Ich
hatte diesen Song ja in den letzten Tagen sehr verinnerlicht. Er schien mir so
selten und so kostbar wie eine Perle. Aber leider kannte ich ihn nur aus der
Konserve. Wieder einmal kam eine leichte Wehmut hoch, weil ich die Doors niemals
live erlebt hatte. Ich hatte in meinem Leben schon so viele Konzerte erlebt, nur
die Doors waren nicht dabei
gewesen. Sie waren niemals nach Hamburg gekommen, sondern nur einmal in
Frankfurt aufgetreten. Ich weiß noch, dass wir uns damals alle ganz sicher
waren, dass die Doors auch einmal in den Norden unseres Landes kommen würden.
Hamburg war damals eine Hochburg der Fangemeinde. Die Songs der Doors waren an
jeder Ecke und in jedem Winkel der Stadt zu hören. Ich kannte wirklich
niemanden, der nicht von den Doors schwärmte. Ich weiß noch, wie erschüttert
wir alle waren, als Jim Morrison gestorben war. Ich erinnerte mich daran, wie
mir die Tränen über die Wangen liefen, als ich in einer Illustrierten seinen
Nachruf las. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie wichtig die Auftritte von
guten Doors-Cover-Bands sind, weil sie dafür sorgen, dass man die Songs der
Doors nicht nur über die Musikanlage, sondern live hören kann.
Jim
Lizardking drückte meinem Sohn eine Kamera in die Hand und er machte ein
Gruppenbild mit Dame. Der Sänger war dabei so gut gelaunt und freundlich, dass
es mir leicht fiel, ihn darum zu bitten, den Song „End Of The Night“ für
mich zu singen. Er wollte mir diesen Wunsch auch gern erfüllen, aber da fiel
ihm ein, dass die Gruppe diesen Song gar nicht in ihrem Repertoire hatte. Er
fand diesen Song auch sehr schön, und er war der Meinung, dass man ihn
eigentlich zu Unrecht vergessen hatte. Der Keyboarder nickte und stimmte ihm zu.
Im nächsten Moment fassten sie den Entschluss, diesen Song für den nächsten
Auftritt einzuüben. Die Backdoors nahmen noch erfrischende Getränke zu sich.
Eine junge Frau, die sich auch um den Tisch der Backdoors versammelt hatte, erzählte
mir, dass sie sich in dieser Hitze nach einem afrikanischen Kleid sehnte, das
wie ein Zelt geschnitten war. Da fiel mir ein, dass so ein Kleid ja in meinem
Kleiderschrank hing, aber da nutzte es niemandem. Die Zeit verging wie im Fluge
und die Backdoors eilten wieder auf die Bühne.
Am
Anfang des zweiten Parts spielten die Backdoors romantische Lieder. Während die
Gruppe „Crystal Ship“ spielte, kam ich ins Träumen. Es war eines meiner
Lieblingsstücke. Es war ein Lied des Abschieds. Die Gruppe legte ihr ganzes Gefühl
dort hinein. Ich sah das Kristallschiff an mir vorüberziehen, gefüllt mit
tausend Freuden. Es verkörperte den Aufbruch in ein neues Land, die Sehnsucht
nach guten Freunden, die Befreiung von allen Fragen, die niemals zu enträtseln
sind. Die Stimmung dieses Liedes animierte die Zuschauer wieder dazu, einfach
mitzusingen. Ich war wirklich erstaunt, dass die Leute im Logo so gut singen
konnten. Bei dem Song „Love Street“ wurde wieder fröhlich getanzt und der
Chor wurde noch lauter. Es war ein schönes Gefühl, in dieser heißen Nacht die
Lieder der Doors zu feiern.
Danach
reihte die Gruppe wieder erdige Blues-Stücke aneinander. Der Sänger konnte das
Publikum mit seiner kräftigen Stimme mitreißen. Als die Gruppe dann den Song
„Five To One“ brachte, kam wirklich Leben in die Bude. Bei dem Refrain
„Get together one more time“ wurde der Chor immer lauter und die Leute
tanzten im Kreis. In diesem Moment wurde mir ganz bewusst, dass die Texte der
Doors immer noch aktuell waren. Bald darauf entschlüpften dem Sänger die
deutschen Worte: „Rockmusik ist schön…“ Der Chor erwiderte in
vollkommener Ekstase: „Rock is dead, Baby! Rock and Roll is dead!“ Der Sänger
antwortete mit einer schönen Melodie: „Aber Rockmusik ist soo schön…“
Das Publikum antwortete mit einem Rap: „Rock is really dead. Rock and Roll is
dead, Baby!“ Das Publikum hatte Jim Morrisons Worte aufgegriffen und ich fühlte
mich plötzlich wie in einem Blues-Schuppen mitten in Harlem oder New Orleans.
Die Musik der Backdoors war wie eine Zeitmaschine. Die alten Zeiten wurden
wieder lebendig. Das Publikum hatte an diesem Abend wirklich bewiesen, dass die
Hamburger Temperament haben können.
Am
Ende des Abends spielte die Gruppe noch einige Songs, die auf L.A. Woman
erschienen waren. Es wurde weiter ausgelassen getanzt und zwischen den Stücken
hörte man Rufe nach den Doors laut werden. Anscheinend
hatten einige Zuschauer ganz vergessen, dass die Backdoors auf der Bühne
standen. Nachdem der „Crawling King Snake“ über die Bühne gekrochen war,
erklang zum Abschluss „Riders On The Storm“. Die ruhige und sanft dahin
gleitende Melodie mit dem Regeneffekt bildete den Abschluss des Konzerts. Mit
diesem kühlen Song wollte die Band uns in die heiße Sommernacht entlassen.
Aber das Publikum war hartnäckig und verlange eine Zugabe. Mit dem Song
„Light My Fire“ wurde am Ende noch einmal richtig eingeheizt.
Als
das Konzert zu Ende war, gingen die Lichter an und die Anlage wurde langsam
abgebaut. Der Gittarist der Backdoors gesellte sich noch einen Moment zu uns. Er
erzählte mir, dass die Musik der Doors ein Höchstmaß an Konzentration
erforderte. Er musste immer auf seine Einsätze achten, was bei einfachen
Rocksongs nicht der Fall war. Aber große Kunst erfordert wohl immer
Konzentration, das war in der schreibenden Zunft nicht anders. Als ich ihm erzählte,
wie sehr ich den Abend genossen hatte, sah ich die Freude in seinem Gesicht. Die
Mitglieder der Backdoors waren wirklich sympathisch. Ich fand es auch schön,
dass endlich mal eine Frau zu den Mitgliedern einer Rockband zählte. Jim
Lizardking war auch immer noch ganz begeistert. Er verabschiedete sich von mir,
weil er mit den Musikern hinter der Bühne noch ein wenig plaudern wollte.
Als
wir das Lokal verließen, entschlossen wir uns noch zu einer kleinen
Nachtwanderung. In Hamburg herrschten auf einmal mediterrane Verhältnisse. Zu
dieser späten Stunde waren überall Menschen auf den Straßen zu sehen. Im
Sternschanzenpark hatte sich eine große Menschenmenge im Freilicht-Kino
versammelt. Ich wollte die heitere Stimmung in dieser Sommernacht noch ein wenig
auskosten. Wir holten uns einen Döner und setzten uns im Park auf eine Bank.
Auf einmal kamen mir die Zeilen „Rock is dead“ wieder in den Sinn. In diesem
Moment wollte ich von meinem Sohn einmal wissen, ob die Rockmusik wirklich tot
war. Er sagte: „Du weißt doch, dass die Musik inzwischen von Computern
gemacht wird. In den nächsten Jahren ist wohl nur Kommerz angesagt. Eigentlich
könnte man sagen, dass die Rockmusik tot ist und es ist auch nichts Neues in
Sicht.“ Aber dann sah er mich lächelnd an, als wolle er mich trösten, und
sagte: „ Aber so lange es noch Menschen wie die Backdoors gibt, die sich mit
einer Gitarre in der Hand auf die Bühne stellen, wird die Rockmusik nicht
sterben.“
Einfach
wunderbar in der Wunderbar Am
5. Dezember 2003 gaben die Backdoors in Lüneburg ein Konzert. Es war einfach
hinreißend und deshalb will ich davon berichten.
Um
21.30 Uhr sollte der Gig in der Wunderbar beginnen. Ich hatte mich mit meiner
Freundin Edda, die extra aus Helgoland angereist war, gegen 21 Uhr in Lüneburg
verabredet. Wir wollten zusammen meinen fünfzigsten Geburtstag nachfeiern. Mein
Vater, der nur einen Tag später als ich seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag
gefeiert hatte, bot sich an, mich mit dem Auto nach Lüneburg zu fahren.
Als
wir losfuhren, war es stockdunkel und es regnete leise vor sich hin. Typisches
Hamburger Schmuddelwetter. Ich dachte daran, dass Jim Morrison am 8. Dezember
seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert hätte. Jim Morrison und ich, wir waren
beide Schützen der ersten Dekade. Der Schütze richtet seinen Pfeil gegen die
Sonne. Er will die Welt erobern und seinen Horizont erweitern. Er ist gnadenlos
ehrlich und kann sich brennend für eine Sache begeistern. Aus diesem Grunde fühle
ich mich mit Jim Morrison verwandt.
Während
wir auf die Autobahn fuhren, erzählte mir mein Vater, dass er als junger Mann
auch einmal nach Lüneburg gefahren war, weil er sich dort eine unbekannte
Jazzband ansehen wollte. Damals hat er für die Plattenfirma Metronom gearbeitet
und war ständig auf Talentsuche. Mein Vater ist in seiner Jugend ein großer
Jazz-Fan gewesen. Während des Krieges hörte er heimlich den verbotenen Sender.
Er war später mit Chris Barber und Louis Armstrong befreundet. Als ich ein
kleines Kind war, habe ich die Gegenwart der Musiker in unserem Haus immer sehr
genossen. Die Liebe zur Musik steckt mir im Blut. Allerdings schwelt zwischen
mir und meinem Vater immer noch der Generationskonflikt. Mein Vater hat es den
Beatles niemals verziehen, dass sie den Jazz verdrängt haben. Mein Vater kann
mit der Rockmusik nichts anfangen.
Während
ich meinen Erinnerungen nachging, hatte mein Vater derweil im Radio den
Klassik-Sender eingeschaltet. Wir sind inzwischen älter und toleranter
geworden. Auf Mozart können wir uns beide einigen. Mozart ist ewig jung
geblieben: Come on and rock me Amadeus!
Als
auf den Autobahnschildern das Wort „Lüneburg“ auftauchte, wurden auch noch
andere Kindheitserinnerungen wach. Als ich ein kleines Kind war, machte ich mit
der Familie meiner Mutter immer Urlaub in der Heide. Meine Großmutter und ihre
Schwester waren noch Wandervögel. Also mussten wir Kinder bei unseren langen
Familienwanderungen durch die Heide immer singen: „In der Lüneburger Heide,
in dem wunderschönen Land, ging ich auf und ging ich nieder, allerlei des Wegs
ich fand.“ Diese Zeilen klingen mir bis heute im Ohr. Die Songs der Doors wären
mir schon damals lieber gewesen. Aber meine Großmutter und ihre Schwester schwärmten
damals immer noch von Hermann Löns, dem großen Heidedichter.
Ich
erinnerte mich an den würzigen Geruch des weißen Sandbodens und den Tannenduft
der Wälder. Ich sah die Rehe im Morgengrauen am Rande der Felder stehen und
baute mit meiner Cousine Sandburgen am Ufer der kleinen Aue. Manchmal machten
wir Ausflüge mit dem Fahrrad nach Lüneburg, um dort den sahnigen Joghurt,
frisches Brot und Lakritze zu kaufen. Als ich mich auf dieser Fahrt an die frühen
Kindertage erinnerte, fiel mir auf, wie scharf und geläutert die Sinne in der
Kindheit noch sind.
Als
wir in Lüneburg ankamen, war ich erstaunt, dass es dort immer noch das alte
Kopfsteinpflaster und verwinkelte Fachwerkhäuser gab. Die Stadt hatte ihren
alten Kern noch erhalten und einen Hauch von Romantik bewahrt. Die Wunderbar lag
am Stintmarkt in einer dieser alten Gassen in der Nähe eines Kanals. Die Aura
des alten Stadtkerns erinnerte mich ein wenig an das schöne Straßburg. Als ich
mich von meinem Vater verabschiedete und aus dem Auto stieg, kam mir meine
Freundin Edda schon entgegen. Sie suchte noch einen guten Parkplatz, weil ihr
Wagen im Halteverbot stand.
Wir
fanden noch einen Parkplatz an der Hauptstraße und dann gingen wir zusammen in
die Wunderbar. Auf der Straße stand eine Tafel, die in Kreideschrift die
Backdoors ankündigte. In der unteren Etage waren schon viele Leute um die Bar
herum versammelt. Der große Tresen wirkte edel und robust. Es wurden bunte, exotische Drinks für den Alkoholfreund und
für Abstinenzler angeboten. An den Tischen saßen Studenten aus einer
schlagenden Verbindung. Edda ergatterte noch einen freien Stuhl. Sie zeigte
grinsend auf eine Steckdose an der
Wand und freute sich, weil sie ihr Handy noch einmal kurz aufladen wollte. Als
ich die Treppen hinaufstieg, entdeckte ich die Backdoors, die sich gut gelaunt
um einen Tisch versammelt hatten. Ich wurde freundlich begrüßt und der Sänger
erzählte mir, dass die Gruppe mit ihrem Auftritt noch ein wenig warten sollte,
bis der Laden sich gefüllt hatte. Zur Türe strömten immer noch Menschen mit
neugierigen Blicken herein. Als ich mich an den Tisch der Backdoors setzte, fiel
mir wieder auf, wie warmherzig die Truppe war. Sie sorgten für gute Laune und
die Good Vibrations durchfluteten den ganzen Raum.
Als
die Gruppe loslegte, war sofort Stimmung im Laden. Der Sänger legte sich mit
„The Changeling“ total ins Zeug. „See me change!“ Die
Wandlung wurde mit schlangenhaften Bewegungen angedeutet. „Er lebte oben in
der Stadt und er lebte unten in der Stadt. Er war überall. Er hatte Geld und er
hatte nichts. Aber er war niemals so zerbrochen, dass er die Stadt nicht
verlassen konnte. Ich wandle mich. Ich bin die Luft, die du atmest.
Ich bin überall.“ Die Gitarre vollzog in Verzierungen den Wandel unter
stampfenden Rhythmen und dynamischen Orgelklängen. Die Hereinkommenden
versammelten sich staunenden Blickes vor der Bühne. Staunen über den satten
Sound der Band und die kräftige Stimme des Sängers, der alles aus sich
herausholte.
Langsam
bewegten sich die Hüften der Mädchen zu „Love Her Madly“. „Er liebte sie
auch noch, als sie zur Tür hinausging.“ Das fröhliche Liebeslied, das alle Höhen
und Tiefen der Liebe beschreibt, ließ das Publikum langsam locker werden. „Er
wollte ihr Daddy sein. Er liebte sie wie verrückt. Aber all die Liebe ist
gegangen. Sing dein einsames Lied!“
Als
die Band „Take It As It Comes“ spielte, kam Bewegung in das Publikum. Es strömten
immer mehr Leute zur Tür herein und quetschten sich nach oben zur Bühne. Der
Kellner hatte langsam Schwierigkeiten, mit seinem Tablett durchzukommen. Jetzt
bewegten sich auch die Hüften der Männer zu diesem eingängigen Lied, das Jim
Morrison für einen Yogi geschrieben hatte. „Nimm es, wie es kommt. Zeit zu
wandern. Zeit zu rennen. Zeit, den Pfeil gegen die Sonne zu richten. Nimm es
leicht, Baby. Nimm es, wie es kommt. Du bist viel zu schnell.“ Die
Leichtigkeit des Seins war in diesem Song zu spüren. Die Leichtigkeit des Seins
verwandelte sich in gemeinsame Freude. Das Schlagzeug pirschte sich wie ein
Tiger an die Kernaussage des Textes: „Zeit zu leben. Zeit zu lügen. Zeit zu
lachen. Zeit zu sterben. Nimm es, wie es kommt.“ Der Sänger sprang auf und ab
und die Leute klatschen im Rhythmus in die Hände. Alles war entspannt und so
leicht an diesem Abend.
Meine
Freundin stand hinter mir und stieß mich an, als die Gruppe „Ship Of Fools“
sang. Sie strahlte über das ganze Gesicht und sagte: „Die Band ist einfach
toll. Du hast mir nicht zu viel versprochen. Jetzt merke ich, dass ich viele
Songs der Doors noch gar nicht kenne.“ Ich freute mich, dass die Backdoors
meiner Freundin das Narrenschiff nahe brachten. Die Laune im Publikum wurde
immer besser. Das Schiff voller Narren hatte abgelegt und segelte gegen den
Wind. Mister Goodtrips kam vorbei, um sich nach einem neuen Schiff umzusehen.
Ich trank mein kleines Bier auf das Wohl der Band und fühlte mich langsam
abgehoben. Draußen war es dunkel und kalt und regnerisch, aber hier drinnen fühlte
ich mich wie im Paradies. Die Musik war Balsam für die Seele. Hier durften wir
uns dem närrischen Blues hingeben und der Sänger war dabei, die Sorgen der
Leute aus dem Gehirn zu pusten.
Ich
war beinahe enttäuscht, als die Gruppe ihre Pause einlegte. Sie versammelten
sich wieder um den Tisch und ich war wirklich erstaunt, wie liebevoll die
einzelnen Bandmitglieder miteinander umgingen. Es war zu spüren, dass sie
wirklich gute Freunde waren. Der Sänger umarmte den Keyboarder, weil er ein
tolles Solo hingelegt hatte. Die Bassistin strahlte über das ganze Gesicht. Die
gute Laune der Band war einfach ansteckend. Der Sänger und der Gitarrist
tranken noch ein Bier und dann wurden sie auch schon wieder auf die Bühne
gescheucht.
Die
Band spielte wieder einen erdigen Blues und um unseren Tisch herum wurde es
immer enger, weil die Zuhörer von der Band total gefesselt waren. Der Kellner
kam kaum noch durch, um die Bestellungen aufzunehmen. Die Mädchen tanzten in
totaler Verzückung und auch ältere Damen schwangen die Hüften. Auf einmal hörte
ich den Sänger meinen Namen rufen. Er verkündete vor versammelter Mannschaft
meinen Geburtstag. Ich sollte auf die Bühne kommen. Das Herz rutschte mir vor
Aufregung in die Hose. Die eigenen Bewegungen schienen wie eingefroren und in
Zeitlupe abzulaufen. Ich bin sehr schüchtern und tauge nicht für das Bad in
der Menge. Diese Erfahrung hatte ich schon gemacht, als ich meine erste
Ausstellung mit Bildern und Gedichten in Düsseldorf machte. Damals bin ich fast
gestorben, als die Menschen sich um mich versammelt hatten. Als ich zur Bühne
kam, überreichte mir der Sänger die erste CD der Backdoors. Auf dem Cover war
mein Name zu lesen und im Innenteil fand ich eine persönliche Widmung. Diese CD
war ein ganz persönliches Geschenk an mich. Ich freute mich wie eine Schneekönigin,
nahm den Sänger in die Arme und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
Im
nächsten Moment spielten die Backdoors den Song „End Of The Night“, den sie
nur für mich einstudiert hatten. Als der Sänger diesen neuen Song im
Repertoire ankündigte, sprach er noch einmal davon, wie genial der Songtexter
Jim Morrison war. Ich fühlte mich sehr geehrt und ein leichter Schauer lief mir
über den Rücken, als ich den Song hörte. Er war so nachtfederleicht und verträumt
psychedelisch. In mir kam der Wunsch auf, mich nach diesen Traumnoten leicht zu
bewegen. Ich suchte noch einen freien Platz vor der Bühne und meine Arme ahmten
die Bewegungen einer indischen Tänzerin nach. Inzwischen ging ein Mann mit
einem Zylinder durch die Bar und sammelte Geld für die Band. Er war bis zum
Rand mit kleinen Scheinen gefüllt. Der Kellner konnte sich nur noch mit
Ellenbogenkraft einen Weg durch die Zuschauer bahnen, die sich immer enger um
die Gruppe scharen wollten. Als er sich an mir vorbeiquetschte, hörte ich ihn
sagen: „Du kannst aber schön tanzen!“ Ich nahm das Kompliment freudig
entgegen, obwohl ich nicht wusste, ob er es ernst gemeint hatte. So reisten wir
gut gelaunt dem Ende der Nacht entgegen. Am liebsten hätte ich getanzt, bis die
Morgendämmerung anbricht. Bis zum Ende der Nacht!
Die
Stimmung erreichte ihren absoluten Höhepunkt, als die Gruppe den „Roadhouse
Blues“ spielte. Der Augenblick war so schön. „Lass es rollen, Baby, lass es
rollen. Die ganze Nacht. Den Augenblick genießen, denn die Zukunft ist unsicher
und das Ende ist stets nah.“ Ein Herr im karierten Hemd eroberte den freien
Platz neben dem Sänger und tanzte alle überschüssigen Kräfte aus sich
heraus. Inzwischen hatte sich der Raum vor der Bühne in eine Tanzfläche
verwandelt und der Applaus für die Band wurde nach jedem Stück lauter.
Ich
tanzte immer weiter und war einfach nur glücklich. Während dieser schöne
Abend sich langsam dem Ende zuneigte, bemerkte ich plötzlich eine übersinnliche
Wandlung. Es schien mir, als wäre der Geist des Schamanen Jim Morrison in die
Haut des Sängers geschlüpft. Als
die Gruppe „When The Music`s Over“ spielte, unterlag ich der Vision, die
Doors zu erleben. Ich liebe dieses Stück mit den Klängen des Synthesizers, der
so viele Ornamente und psychedelische Verzierungen findet, bis man glaubt,
einfach abzuheben. Persische Nacht, Baby! Sieh nur das Licht!
Der
sanfte Regenklang des Songs „Riders On The Storm“ verschmolz mit dem Regen
in der Nacht dort draußen und brachte uns langsam in die Realität zurück.
Niemand wollte, dass dieser Abend zu Ende geht. Das Publikum applaudierte
begeistert, verlangte lautstark eine Zugabe und wurde noch einmal mit „Light
My Fire“ belohnt. Als der Sänger von der Bühne ging, sagte ich: „Es war
mir, als hätte ich eben Jim Morrison auf der Bühne gesehen.“
Er nickte und sagte lächelnd: „Ich habe seine Anwesenheit auch gespürt.“
Am
Ende war die Gruppe ziemlich erschöpft. Sie hatten mal wieder ihr Bestes
gegeben, wie immer. Die Bassistin hielt mit einem strahlenden Lächeln eine
langstielige Rose in der Hand. Meine Freundin Edda versuchte die Gruppe dazu zu
überreden, doch einmal nach Helgoland zu kommen. Dort gab es jedes Jahr ein
Open-Air-Festival. Schweren Herzens verabschiedeten wir uns von den Mitgliedern
der Band und dann stiegen wir in den Wagen und reisten mal wieder dem Ende der
Nacht entgegen. Wir fuhren im leisen Nieselregen über die Autobahn und hörten
zur Abwechslung die Musik von Led Zeppelin. Edda schwärmte von den Backdoors
und wollte alles über die einzelnen Mitglieder wissen. Niemals hätte sie
geglaubt, dass eine Cover-Band so gut sein konnte. Wir schwärmten noch lange
von diesem Abend und als wir schon beinahe im Morgenrauen die Stadt erreichten,
tranken wir in meiner kleinen Dachstube noch ein Glas Wein. Edda hatte mir noch
Geschenke mitgebracht und voller Freude packte ich sie aus. Diese Geschenke
erinnerten mich daran, dass ich den Zenit meines Lebens schon lange überschritten
hatte. Aber die Musik bleibt immer ein Freund, bis zum Ende. Edda strahlte mich
an und wir sagten wieder einmal: „Ach wie schön, dass wir diesen Abend auch
noch erleben durften.“ Das sagen wir immer nach guten Konzerten.
Trance
mit den Backdoors
In
der Garage ist es dunkel, aber hinter dem Garagentor blitzt das Sonnenlicht hell
auf. Der Regenmacher war in die Stadt gekommen. Seit dem Siebenschläfer hatte
es nur geregnet - aber dieser Tag
ist der erste Sonnentag gewesen – und nun tanzt das Licht der untergehenden
Sonne zum Abschied des Tages zwischen den Bäumen hinter dem Garagentor. Die
Zeit vergeht wie im Fluge und die Augenblicke entfalten ihre ganze Pracht im
Stillstand – für eine Weile – bis der Eindruck auf der Festplatte des
Gehirns gespeichert ist.
Mit
zunehmendem Alter rast die Zeit wie ein galoppierendes Pferd und eilt uns davon,
die Eindrücke vermehren sich bis ins Unendliche und werden ein Teil unserer
Erinnerung. Wenn die Zeit davonläuft, wird der einzelne Augenblick immer
kostbarer: Die roten Beeren auf den zarten Blättern der Eberesche schaukeln im
Wind, während ich aus der Dunkelheit über die Wiese der Kirche entgegenlaufe,
um am Bahnhof im kleinen Kiosk noch zwei Dosen Bier zu kaufen. Das Lächeln des
Liebsten, als er mir mit aller Sorgfalt die Dose öffnet und mit mir anstößt:
„Trinken wir auf das Wohl der Tiere und darauf, dass die Menschen endlich vernünftig
werden und sie wie lebendige Wesen behandeln.“ Er hatte gerade ein grausames
Tierexperiment im Fernsehen gesehen. Dort wurden Affen so furchtbar gequält,
dass man es nicht ertragen konnte, dieses Schauspiel mit anzusehen. Das macht
ihn zornig. Er liebt die Tiere über alles. Ich liebe sie auch. Sie können sich
gegen den Menschen nicht wehren. Also trinken wir darauf, dass es irgendwann
besser wird.
Während
die Dosen sich noch einmal sanft berühren, sage ich: „Und dann trinken wir
noch auf alles, was uns in dieser Welt große Freude bereitet. Lass uns auf die
Musik und auf die Liebe anstoßen!“ Ich sehe das Feuer in seinen großen
Augen, als er meine Worte wiederholt: „Auf die Musik und die Liebe!“ Meine
Augen heften sich an sein bezauberndes Lächeln, während er sich die Hände mit
einem kleinen Lappen abwischt. Er zeigt mir die blitzenden Felgen des Motorrads,
die er gerade in anmutig gebückter Haltung gereinigt hat. Im Radio ertönt ein
Lied von Joe Cocker und jetzt fällt mir ein, dass ich mich langsam auf den Weg
zu den Backdoors machen muss. Das letzte Konzert im Logo liegt nun schon wieder
ein Jahr zurück, aber es kommt mir so vor, als wäre es gestern gewesen.
Das
Bier erfrischt und verursacht die Leichtigkeit in meinem Blut, während er mir
erzählt, dass Joe Cocker zeitweise kein leichtes Leben hatte. Ich höre ihm zu
und lasse mich tragen, von Augenblick zu Augenblick: Take it as it comes! Go
real slow, you like it more and more! Diese Zeilen von Jim Morrison gleiten auf
ihrer schönen Melodie durch meinen Kopf. Wenn man sich einfach treiben lässt
und nichts erwartet, dann kann das Leben voller Wunder und Überraschungen sein.
Das
Bier ist leer getrunken und ich kann das Zifferblatt der Uhr in der Dunkelheit
nicht erkennen. Das Sonnenlicht hinter dem Garagentor schimmert in einem dunklen
Goldton. Ich stehe auf, weil ich mich langsam auf die Socken machen muss, denn
ich will das Konzert der Backdoors nicht verpassen.
Während
er die Decke von dem kleinen Hocker zieht, auf dem ich gesessen habe, erzählt
er mir, dass er von der Arbeit müde ist und am nächsten Tag früh aufstehen
muss, weil er seinem Freund eine Motorradfahrt versprochen hat. Sie wollen eine
Wettfahrt machen. Er sieht ein wenig traurig aus, als ich gehen will. Ich bin
auch ein wenig traurig. Die kleinen Abschiede sind beinahe so schwer wie die großen.
Bevor
er das Garagentor für uns öffnet, will er mir noch einmal den Sound seiner
Maschine vorführen. Ich höre den satten Ton, den das Motorrad von sich gibt, während
er voller Stolz den Kickstarter betätigt. Ich sehe die Freude des kleinen
Jungen in seinem Gesicht, während das Motorrad seine Musik macht. Zum Abschied
ein Kuss und ich spüre die Wärme seines Körpers, der mich umschlungen hält.
Er duftet nach dem frisch gewaschenen Pullover.
Wir
winken uns noch einmal zu, während er das Garagentor in schwungvoller Bewegung
herunterlässt. Die letzten Sonnenstrahlen spielen leuchtend in seinen silbernen
Locken. Die Zeiger auf der Uhr sind weit vorgerückt. Zeitsprünge. Die Musik
durchmisst die Zeit. Lass dich von ihr tragen, wenn sie kommt. Im Vertrauen
darauf, dass alles zur richtigen Zeit am richtigen Ort geschehen wird, laufe ich
die Straße entlang, biege um die Ecke, stehe an der roten Ampel und laufe dann
weiter. Es dauert nicht lange, bis ich die schmalen Stufen im Treppenhaus
erklimme und die Wohnung aufschließe. Ein kurzer Blick in den Spiegel, die
Haare noch einmal kämmen, Zigaretten einstecken und schon geht es weiter.
Im
Eiltempo laufe ich zum Bahnhof zurück. Die kleine Kirche scheint schon zu
schlafen, während der Abend hereinbricht. Der Wind weht auf dem Bahndamm. In
der Bahn fliegen die Häuser und die Straßen eilig am Fenster vorbei. Die Zeit
gewinnt Tempo. Die Zeit hat auch ihre Musik. Im Rhythmus der Bilder öffnet sich
das innere Ohr. Man hört die eigene Seelenmelodie im Takt des Geschehens.
Während
ich durch das Uni-Viertel laufe, zeigt mir der Blick auf die Uhr, dass ich schon
zwanzig Minuten zu spät bin. Das Konzert hat schon begonnen. Meine Schritte
werden schneller und in mir steigt die Freude auf, denn ich weiß, dass ich
jetzt gleich mit der Musik abheben darf. Wissenschafter haben herausgefunden,
dass elektrische Gitarren einen Ton aussenden, der im Körper ein Gefühl des
Schwebens auslöst. Die Musik der Backdoors wird die Schwere des Alltags
aufheben!
Im
Logo haben sich schon viele Leute versammelt. Die Backdoors lassen im satten
Sound die Doors erklingen. Das Publikum hat sich in Grüppchen zusammengefunden
und plaudert angeregt. Die Stimmen der Menschen verschmelzen mit der Musik. Das
Gemurmel klingt wie eine leichte Brandung. Es ist warm in diesem Raum und ich drängle
mich nach hinten, um ein Bier am Tresen zu ergattern. In der Dunkelheit erkenne
ich Jim Lizardking und seine Freundin Nina. Ich begrüße die beiden und
entschuldige mich dafür, dass ich so spät gekommen bin. Jim lächelt
freundlich und versichert mir, dass ich noch nicht viel versäumt habe, denn die
Band hat sich gerade erst warm gespielt.
Die
Musik geht sofort in die Hüften. Dieser Thrill: Touch Me! Ich werde dich
lieben, bis der Himmel aufhört zu regnen. Was hat sie ihm versprochen? Er hat
keine Angst. Sie soll ihn berühren! Touch Me! Er wird sie lieben, bis die
Sterne vom Himmel fallen. Die Romantik der Melodie gipfelt in Ekstase. Der Sänger
lockt sein Publikum mit greifenden Händen und tanzt im Kreis nach schamanischem
Ritus. Die Plaudernden werden langsam auf ihn aufmerksam. Ich vergesse die Eile,
lasse den Alltag mit seinen grauen Straßen und den notwendigen Pflichten
einfach von mir abfallen.
You
make me real! You make me feel! Ich betrachte den Schlagzeuger, der in äußerster
Konzentration versunken hinter dem Schlagzeug hockt. Meine Hüften wiegen sich
im Rhythmus. Jim Lizardking verzieht ganz leicht das Gesicht, weil der
Keyboarder sich für eine Sekunde verspielt hat. Er ist in dieser Beziehung äußerst
empfindlich. Er kennt jede Note der Doors auswendig. Ich habe es nicht gehört,
denn der Gitarrist hat mich schon ins Schweben gebracht. Mein Herz lauscht den
verzierten Monologen, die er sich gerade einfallen lässt. Einige Zuschauer
plaudern immer noch und das Geplapper stört den Hörgenuss. Kein Wunder, dass
der Keyboarder sich verspielt hat. Der Sänger hockt sich auf den Boden und legt
sein Ohr auf die Erde, wie einst Jim Morrison. Plötzlich schreit er laut auf:
„Seid endlich still! Ich kann nichts hören!“ Der Ruf des Sängers wirkt wie
ein Paukenschlag! Er kann den Schrei des Schmetterlings nicht hören. Die Leute
haben es endlich begriffen! Wenn sie jetzt nicht still sind, dann entgeht ihnen
etwas: Der Sänger hockt auf dem Boden, versetzt sich langsam in Trance, während
die Musiker sich langsam von der Stille inspirieren lassen. Langsam stampfen sie
den Blues aus der Erde und das Publikum versammelt sich endlich vor der Bühne
und lässt sich gefangen nehmen. Der Sänger hat sie gepackt und lässt das
Mikrofon über seinem Kopf kreisen, als wäre es ein Lasso. Aber damit ist der
erste Akt schon vorbei und die Gruppe macht ihre wohlverdiente Pause.
Plötzlich
ist es still. Wo ist die Zeit geblieben? Wohin ist die Musik entschwunden? Die
Stille wirkt drückend, nachdem die Band die Bühne verlassen hat. Kurz darauf
taucht die Monotonie der Klänge wieder an die Oberfläche: Gläser klirren,
Schuhe schlürfen, Leute reden! Das Publikum läuft dem Ausgang entgegen. Jim
Lizardking meint nur trocken; „Die Leute wollen heute wohl alle nur an die
Elbe.“ Nina und ich müssen lachen. Wird uns das Publikum verlassen, nur weil
wir hier in Hamburg zu lange die Sonne vermisst haben? Jim läuft zu den
Backdoors hinter die Bühne und eine schöne Freundin der Band erzählt mir
strahlend, dass die Backdoors an diesem Abend zum ersten Mal den Song „The
End“ auf die Bühne bringen wollen. Während der Pause komme ich mit Nina ins
Plaudern.
Als
die Backdoors wieder auf die Bühne kommen, eilen die Leute schnell wieder in
den Raum, als die ersten Töne erklingen. Im zweiten Akt wird alles ganz anders.
Das Publikum ist still geworden und versammelt sich um den Sänger. Der Backdoor
Man bringt die Leute zum Tanzen. Die Musik gewinnt an Kraft und ich spüre, wie
sich meine Hüften von ganz allein hin- und herwiegen. Die Dynamik der Musik
zieht mich nach vorn und ich spüre den Magnetismus, der plötzlich in der Luft
liegt. Der Sänger singt und spielt den Spion im Haus der Liebe. Plötzlich
wechseln die Worte vom Englischen ins Deutsche: „Sie kommt aus ihrem Versteck.
Ich kann sie sehen. Sie kommt auf mich zu.“ Er improvisiert einfach mal wieder
und ich frage mich in diesem Moment, ob er vielleicht mich gemeint hat. Ich muss
lächeln, als ich dem Sänger gegenüber stehe. Seine Antennen sind weit
ausgefahren, während die Band seine Worte illustriert. In dieser Sekunde wird
alles ganz leicht. Yeah, die Töne reiten auf den Wellen der Zeit. Gleichklang
der Seelen. Ich tanze mit den anderen. Wir lassen uns einfach tragen und brechen
durch, auf die andere Seite. Der Boden unter unseren Füßen wird ganz leicht:
Everybody loves my Baby! She get high!
Fünf
zu eins, die Nacht kriecht näher, die Menschen schlagen sich in ihren sinnlosen
Kriegen die Köpfe ein, aber wir werden noch einmal beisammen sein! Wir feiern
mit den Doors das Leben, wir erobern im Tanz den Frieden. Wir erklimmen die
Gezeiten und schwimmen zum Mond. Es bleibt nur das Singen. Der Sänger erteilt
dem guten, alten Kurt Weill den Segen: Wenn wir die nächste Whiskey-Bar nicht
finden, dann sage ich dir: Wir müssen sterben! Meine Beine hüpfen auf und ab,
während ein Gefühl der Liebe und der Verbundenheit im Raume schwebt. Der Sänger
hält das Mikrofon ins Publikum und wir singen alle mit. Ich tanze und hüpfe
und singe wie ein ausgelassenes Kind und bin voller Freude.
Wir
werden eine Einheit. Wir sind der Chor. Wir sind die Tänzer. Wir feiern das
Wunder der Musik an der Hintertür, der einzige Fluchtweg, der ins Leben führt:
Hello, I love you, let me jump in your game! Wir lassen uns in Liebe aufeinander
ein! Wir spielen das Spiel gemeinsam. Wir tanzen den heiligen Tanz des wilden
Kindes. Wir ziehen unsere heiligen Kreise. Ich gerate in Verzückung, als jeder
der Musiker ein kurzes Solo spielt. Unsere Hände klatschen den Rhythmus. Der Sänger,
die Band, das Publikum, alles wird Musik, alles vereint sich im Rhythmus.
Am
Ende setzt die große Stille ein. Am Ende hören wir das Lied vom Ende. Es wird
feierlich ernst. Die Gitarre sucht den Grundton, der die Trance herbeiführt.
Das Ende, mein schöner Freund. Wir tanzen dem Ende entgegen. Der Abend verweht,
die Nacht beginnt. Die Trance hebt die Zeit auf. Alles gleitet dahin wie ein
Papierschiff auf einem Fluss, der ins Meer führt. Wir reiten auf der Schlange
zum uralten See.
Am
Ende applaudieren wir, bis die Hände schmerzen. Das Publikum hat nach einer
Zugabe immer noch nicht genug. Die Musiker sind erschöpft und das Licht geht
an. Gnadenloses, weißes Licht, dass die Trance mit einem Schlag aufhebt. Man fühlt
sich wie benebelt. Die Menschen sehen aus, als hätte man sie brutal aus einem
schönen Traum gerissen. Der Sänger ist ganz erschöpft und wir umarmen uns,
weil der Abend so schön war. Der Gitarrist kommt auf mich zu und fragt mich, ob
ich über diesen Abend schreiben werde. Natürlich. Ich kann dieser Gruppe
nichts abschlagen. Sie schenken mir ihre Musik und ich schenke ihnen meine
Worte. Ich sammle die Augenblicke.
Ship Of Fools Die
Pause war im Nu wieder vorbei. Der Song »Gloria « ging an diesem Abend auch
wieder direkt in den Bauch. Da oben stand immer noch der ganz junge Jim Morrison
auf der Bühne. Gloria lockt ihn in sein Haus. Sie fragt ihn aus. Er fühlt sich
gut. All right, yeah! Er
macht sich zum Narren, aber das macht ihm nichts aus. Sie zeigt ihm alles. Alles
wird langsamer, sie schlingt ihre Beine um seinen Hals. Er fühlt sich gut. All
right, yeah! Der Sänger dreht sich im Kreis: Gloria! Alles ist gut an
diesem Abend, alles wird intensiver. Danach spielte die Gruppe »Celebration of
the Lizard«. Es war reinster Artaud-Rock. Es gibt keinen anderen Begriff dafür.
Die Doors hatten diesen Artaud-Rock erfunden, eine Mischung aus Kabarett, Tanz,
Dichtung, Musical und freier Assoziation. Antonin Artaud wurde am 4. September
1896 in Marseille geboren und er starb am 4. März 1948 in Paris. Er war
Schauspieler, Dramatiker, Regisseur, Zeichner und Dichter. Er schrieb viele
Abhandlungen über das Theater. Er hat die Performance erfunden. Im Jahre 1937
wurde er in die Psychiatrie eingewiesen, weil er an Schizophrenie litt. Seine
intellektuellen Freunde holten ihn dort aber wieder heraus, um sein Genie zu
retten. Jim Morrison war ein sehr gebildeter Mann, deshalb war dieser große
Mann für ihn kein unbekannter. »Do you know this little game to go
insane?« Die Orgel erzeugte unheimliche Klänge. Das Schlagzeug weckte alle. »Die
Schlange war blass und golden. Sie war an seiner Seite! Oh, sie ist nicht jung!
Ihr dunkles weißes Haar! Die Welt gleicht einem Schlachthaus! Er will in sein
Gehirn kriechen. Ich denke, du weißt welches Spiel er spielen will? Vergesse
deinen Namen, wir brechen durch. Rhythmen sammeln und verdichten sich.
Freundliche Hügel um uns herum. Wir betreten das Ende der Stadt. Lasst uns
laufen. Run with me! Nicht
die Erde berühren. Lass uns rennen! Schatten auf den Bäumen. Run
with me! Die Sonne ist nicht zu sehen. Es bleibt nichts als zu laufen. «
Die Backdoors führten uns an diesem Abend in den totalen Surrealismus! Die
Gitarre rannte dem Sänger hinterher. Wir ließen uns tragen, rannten davon,
hoben ab mit den Backdoors! Run
with me!
Die Musik trug uns viel zu
schnell durch die Nacht. Gegen Mitternacht fand das Konzert ein seltsames Ende.
Der Sänger hatte mich zum Schluss in den Sog seines Energiefeldes gezogen. Am
Ende spielte die Gruppe noch einmal »The End«. Es war ein großes Ende, denn
der Sänger schien dort oben auf der Bühne tatsächlich zu sterben. Ich erlebte
mit ihm den Tod als Gedankenspiel und ich verschmolz mit der Musik, als er die
Arme zum Himmel erhob und die Endgültigkeit des Todes plötzlich ganz erfahrbar
machte. Alles loslassen und abheben! Die Zuschauer um mich herum waren etwas
verwirrt, als das Licht der Scheinwerfer anging und das Konzert zu Ende war.
Anscheinend hatten sie einen anderen Schluss, ein anderes Ende des Konzertes
erwartet. Vielleicht wollten sie noch einmal »Light my Fire « hören. Jim
Lizardking lachte laut und alle waren sich einig, dass der Sänger sich am Ende
etwas verzettelt hatte. Ich hatte es gar nicht bemerkt, weil ich soeben mit ihm
auf der Bühne in meiner Phantasie gestorben war.
Das Jahr 2008 hat begonnen. Mit Freude
denke ich an das neue Jahr, denn das alte Jahr hatte einen schönen Ausklang,
weil die Backdoors im Riff ihr schönstes Konzert gaben. Selten im Leben habe ich
so viel Spaß gehabt. Es war die pure Lebensfreude, die sich in dieser Nacht
einen Ausdruck verschaffen durfte.
Am Konzertabend klingelte Hardy an
meiner Haustür. Er spielt sehr gut Gitarre und er wollte auch einmal wieder ein
schönes Live-Konzert erleben. Wir unterhielten uns noch eine Weile in meiner
Wohnung und gingen dann gemeinsam zum Bahnhof. Draußen war es neblig. Ich liebe
diese Nebeltage, in denen die Welt geheimnisvoll umhüllt ist. Auf dem Bahnsteig
hatten sich schon die ersten Nachtbummler versammelt. Wir fuhren zum
Hauptbahnhof und stiegen dann in die U-Bahn, die uns nach Volksdorf brachte. In
der Bahn erzählte mir Hardy Geschichten aus seiner Jugend, die er mit einer
wilden Heavy Metall Band verbracht hatte. Seine witzigen Geschichten machten die
lange Fahrt kurzweilig. Als wir in Volksdorf ausstiegen, fragten wir junge Leute
nach dem Weg zum Riff. Das moderne Gemäuer war dann auch ganz schnell zu finden.
Über dem Riff leuchtete der rote Neon- Schriftzug eines Kinos mit dem Namen
Koralle, aber der Eingang in diese Unterwasserwelt war schwer zu finden, denn
die Glastüren waren nicht durchsichtig, sondern rosa. Sie öffneten sich
automatisch, während mir die vertraute Stimme des Sängers schon entgegen wehte.
Die Backsoors spielten »Love Me Two Times «. Ich liebe diese Gruppe mehr als
zwei Mal, werde sie immer lieben, bis »The End « zum großen Finale einleitet.
Im Flur wurde ich an der Kasse überraschend
und stürmisch mit einem Kuss begrüßt, den Jim Lizardking mir auf die Wange
drückte. Die Freude war groß, ihn zu sehen. Wir umarmten uns herzlich und dann
wollte ich mit diesem großen Doors-Kenner das Konzert in aller Ruhe genießen.
Die Ruhe wollte sich aber nicht manifestieren, als ich eine Weile auf einem
Fleck gestanden hatte. Der Sound der Gruppe war so voll und so satt, dass er
sofort in die Beine ging. Ich konnte gar nicht begreifen, warum die Volksdorfer
nur freundlich lächelten und verschämt mit den Füssen wippten. Als die Gruppe
»Break On Through« spielte und der Sänger sich richtig ins Zeug legte, da zog es
mich zur Bühne und dann ließ ich mich einfach mitreißen und tanzte wie eine wild
gewordene Schamanin. Ich tanzte meinen Indianertanz dort ganz alleine und
bemerkte aus den Augenwinkeln, dass die Leute gerne mitgetanzt hätten, aber eine
Barriere aus Konventionen hielt sie davon ab. Vielleicht waren sie noch nicht
richtig warm geworden, aber mein verzücktes Tanzen verursachte ein Blitzen in
ihren Augen.
In der Pause flitzte Hardy im Publikum
herum, nahm die Ladys in Augenschein und traf einen alten Bekannten. Ich
unterhielt mich währenddessen angeregt mit Jim Lizardking und seinem Freund,
dann ging das Konzert schon weiter. Das Tanzen kann in meinem Alter schon etwas
auspowern. Nach einem eigenwilligen und gekonnten Medley ging dann bei dem Song
»Wild Child « endlich die Post ab. Das Publikum gesellte sich zu mir und viele
tanzten mit. Die Musik brachte mich so in Ekstase, dass ich mich an Einzelheiten
nicht mehr erinnern kann. Ich weiß nur noch, dass ein junger Mann mit blonden
Locken wie ein junger Gott in Verzückung vor der Bühne tanzte. Ein junger Punker
mit einer schwarzen Lederjacke, der wie Billy Idol aussah, legte mit einer
vornehmen Dame einen Schieber hin. Der Sänger hypnotisierte uns wie eine
Schlange und die einzelnen Soli der Musiker verzückten uns. Der Gitarrist hatte
seinen besten Tag und Hardy applaudierte. Der Sänger lächelte strahlend wie die
Sonne, als die Bassistin und der Keyboarder so richtig reinfetzten und der
Schlagzeuger so gelassen seinen erdigen Takt hielt, dass es eine helle Freude
war. Als ich irgendwann meine Beine ausruhen wollte und zum Tisch ging, um in
Ruhe ein Bier zu trinken, zog mich eine Frau wieder vor die Bühne. Sie meinte,
ohne mich mache das Tanzen keinen Spaß. Mit dem Song »Riders On The Storm «
kühlte sich die Seele in einem elektronischen Regen ab.
Meine Füße brannten, als ich mich in der
nächsten Pause wieder an den Tisch setzte. Als der Gitarrist unsere Runde
streifte, rief ich ihm entgegen: »Hallo Otto, hier sind deine Fans! « Er
lächelte freundlich und setzte sich zu uns. Bald kam er mit Hardy ins Gespräch.
Sie sprachen über Ottos erste Gitarre und über den Erwerb der kostbaren Lady.
Das war eine spannende Geschichte und ich hörte gebannt zu. Hardy war jetzt ganz
in seinem Element und der Dialog zwischen den beiden entwickelte sich zu einem
absoluten Fachgespräch, in dem das »Holz « und ein Gitarrenlehrer (Marcus Deml),
den Hardy auch kannte, in den Mittelpunkt rückten. Die beiden waren so sehr in
ihr Gespräch vertieft, dass Otto es zwei Mal überhörte, als der Sänger ihn
verzweifelt und laut über das Mikrofon auf die Bühne rief: »Hallo! Hier fehlt
ein Musiker!« Ich fand die Situation sehr lustig.
Der letzte Set war dann auch das absolute
Highlight! Die Volksdorfer waren nun vollkommen aus sich herausgekommen. Sie
waren begeistert, als die Gruppe zum allerersten Mal den Song »The Wasp« mit
viel Power und einer guten Performance zelebrierte. Der Song »Love Street«
lockte das kindlich verzückte »Lala« aus den Kehlen der Zuschauer. Der Sänger
war total glücklich über dieses Feeling, merkte dann aber zum Schluss ein wenig
traurig an, dass andere Cover Bands darüber verächtlich denken. Kann man aus
diesem Lied einen Gassenhauer machen? Wäre es Jim Morrison peinlich gewesen,
wenn er bei diesem Konzert dabei gewesen wäre? Wenn ich ehrlich sein soll, dann
glaube ich, dass es Jim Morrison glücklich gemacht hätte. Er selbst hatte zu
Lebzeiten immer geglaubt, dass seine Songs fünf Jahre nach seinem Tod vergessen
sein würden. Wenn Jim Morrison noch leben würde, dann wäre er jetzt genau zehn
Jahre älter als ich. Er wäre vierundsechzig Jahre alt. Man hat ihn einmal in
einem Interview gefragt, welches Ziel er erreichen wollte. Er schloss bei dieser
Frage die Augen, dachte lange nach, und sagte dann: » Ich möchte am Ende eine
Musik machen, die pure Freude ausdrückt.« Jim Morrison wollte mit dem Song »Wild
Child« ausdrücken, wie wichtig es ist, dass wir das Kind in uns nicht sterben
lassen. Ich glaube, mit einem Schuss mehr Lebenserfahrung und Altersweisheit
hätte ihn beim Betrachten dieses Konzertes ein zufriedenes Lächeln erfasst.
Jedenfalls spiegelte sich dieses zufriedene Lächeln um den Mund des Sängers und
das Publikum schämte sich nicht für ein Gefühl der Seligkeit.
Mein Kopf hat die einzelnen Schritte dieses
Abends nicht abgespeichert, ich erinnere mich nur noch an ein ekstatisches
Gefühl. Ich weiß noch, dass der Sänger eine Treppe hinaufstieg, sich zum Boden
neigte, wieder aufstand und dann von der Bühne sprang. Er drückte mir einfach
das Mikrofon in die Hand, weil ich die ganze Zeit lautstark mitsang. Während er
im Publikum tanzte, sang ich den Refrain über die wiederkehrende Zusammenkunft.
Und alle Menschen im Saal wiederholten diese schöne Zeile, bis wir uns alle
magisch eingeschworen hatten. Der Abend endete in Rufen nach Zugaben, die uns
die Backdoors gewährten.
Zum Schluss waren alle erschöpft. Ich
saß noch eine Weile am Tisch und bemerkte, wie freundlich die Kellnerin dort
war. Die Theke in diesem Lokal sah sehr gemütlich und sehr gepflegt aus. Jim
Lizardking rief mich Backstage, ein Raum, der hinter einem Vorhang war. Wir
unterhielten uns in der Runde, während die Zeiger der Uhr immer schneller
rasten. Die dunkle Morgenstunde des Winters war schon beinahe angebrochen, als
wir das Lokal verließen. Wie im Taumel stiegen wir über zwei Schnapsleichen am
Boden hinweg und das grelle Licht in den Waschräumen zeigte gnadenlos mein
verlaufenes Make Up. Die Fahrt im Zug kam mir sehr kurz vor und in Gedanken
freute ich mich schon auf das nächste Konzert der Backdoors. Ich freute mich
auch an einer Erinnerung, die mir wieder kurz durch den Kopf schoss: Die
Backdoors hatten Jim Lizardking auf die Bühne gerufen, weil er sich mit viel
Herz und viel Kompetenz um ihre Internetpräsenz bemüht. Sein Engagement in der
Fan-Gemeinde fand hier einen würdigen Rahmen. Dieser Moment hatte mich sehr
angerührt. Als ich müde nach Hause kam, blickte ich auf das Bild von Jim
Morrison, das in meiner Küche hängt, und dann murmelte ich leise: »Danke Jim,
dass du uns alle zusammenbringst. Du hast mir Glück gebracht.«
Die Königsschlange
Am 8. Februar 2008
gaben die Backdoors wieder ein Konzert im Logo. Das letzte Konzert war noch
nicht lange her, aber seitdem hatte es in Hamburg die ganze Zeit geregnet. Die
Feuchtigkeit war mir nicht bekommen, meine Knochen taten weh, deshalb war an
ausgelassenes Tanzen nicht groß zu denken. Aber es kann auch nicht immer ein
Highlight geben, man muss dem Leben dann andere Nuancen abgewinnen. An diesem
Tag hatte es wieder ein schönes Himmelszeichen gegeben. Der achte Februar war
ein Tag, an dem das Sonnenlicht tatsächlich wieder durchgebrochen war. Der
Sonnenuntergang bot in meiner Gegend ein wunderschönes Schauspiel. Der Himmel
war nicht mehr grau, die kleinen Wölkchen am Himmel schwebten in einem
mystischen Violett und in der Ferne breitete sich ein Altgold aus, das mein
gewohntes Straßenbild vollkommen verfremdete. Die hellen Hausfassaden waren auf
einmal rosa und die Bäume verwandelten sich in schwarze Scherenschnitte.
Ich machte mich diesmal ganz früh auf den
Weg, denn ich wollte neue Impressionen einfangen, die einem sonst in der Hektik
entgehen. Wenn man öfter Konzertberichte schreibt, dann muss man sich vor
Wiederholungen in Acht nehmen. Ich klingelte bei meiner neuen Nachbarin, mit der
ich mich so gut angefreundet hatte. Sie wollte auch zu dem Konzert kommen und
ihren Freund mitnehmen. Sie öffnete mit einem gewinnenden Lächeln die Tür und
sagte: »Wir wollen noch schnell einen Happen essen und dann kommen wir nach. «
Ich schlenderte zum Bahnhof. Einige Pärchen waren mit mir auf dem Wege. Es
dauerte nicht lange, bis ich das Logo erreichte. Ich gehörte zu den ersten
Gästen, die sich an der Theke von einer jungen Dame einen Stempel auf das
Handgelenk drücken ließen.
Die Bassistin der Backdoors spielte
konzentriert am Kicker, während ich mir einen Beobachtungsposten aussuchte. Es
war ein seltsames Gefühl, die Augen über die schwarz gestrichenen Wände im fast
leeren Raum wandern zu lassen. Die Musik kam noch aus der Konserve und dem
schwarzen Vorhang haftete noch etwas Gespenstisches an. Aus den Lautsprechern
dröhnte » In A Gadda Da Vida « von Iron Butterfly und ein junger Mann hämmerte
mit den Fäusten auf einem der kleinen Tische den Rhythmus dazu. Die Musik lenkte
meine Gedanken in die Vergangenheit. Mir fiel wieder ein, dass ich im Logo ein
kleines Stück Musikgeschichte erlebt hatte. Ich möchte die Geschichte hier
einmal erzählen, damit sie nicht verloren geht.
Es war in der Mitte der sechziger Jahre, als
ich mein erstes Konzert in der Hamburger Musikhalle erleben durfte. Ich war
gerade mal dreizehn Jahre alt, als die Small Faces in unsere Stadt kamen. Zu
dieser Zeit hörten wir die Beatles und die Stones. Die Doors waren zu dieser
Zeit noch unbekannt. Der Sänger von den Small Faces hieß Steve Marriott. Er ist
damals mein erster Schwarm gewesen. Seine Stimme war ungeheuer dynamisch und
seine Augen leuchteten so hell wie Scheinwerfer. Der erste Hit der Gruppe hieß »Lazy
Sunday «. Steve Marriott war ein Rebell, ein Energiebündel und ein kreativer
Geist. Leider war dann dieses erste Konzert für mich eine große Enttäuschung.
Alles was ich an diesem Abend gehört habe, waren die Rattles. Diese langweilige
Vorgruppe hatte den ganzen Abend allein bestritten. Steve Marriott war an diesem
Abend nur einmal kurz auf die Bühne gesprungen, um den »Song of a Baker « am
Klavier vorzutragen, dann war die Gruppe wieder hinter dem Vorhang verschwunden.
Die Zuschauer johlten und grölten und verlangten ihr Geld zurück. Einige Jahre
später wollte Jimmy Page von Led Zeppelin Steve Marriot als Sänger haben, aber
er gründete die Gruppe Humble Pie und startete am Ende noch eine Solokarriere.
Zu dieser Zeit habe ich ihn mit meinem Mann zusammen noch einmal im Logo
gesehen. Sein kleiner, heruntergekommener Bus stand vor der Tür. An diesem Abend
hat er noch einmal seine schwarze Röhre demonstriert. Er hatte inzwischen einen
Bierbauch angesetzt, aber seine Augen blitzten immer noch hell auf. Die
Lautsprecher waren so laut aufgedreht, dass viele Zuschauer aus dem kleinen Raum
geflüchtet sind. Er trank viel an diesem Abend, die Star-Allüren konnte er sich
offensichtlich nicht mehr leisten, aber seine Stimme war großartig und seine
Ausstrahlung mitreißend. Als junges Mädchen hätte ich wohl nicht gedacht, dass
ich ihn noch einmal im Logo so hautnah erleben würde. Steve Marriot starb nur
wenige Jahre später. Er verbrannte in seinem Landhaus in England.
Ich wurde aus meiner Erinnerung gerissen,
als der Sänger der Backdoors grinsend an mir vorbeilief: »Ich muss kurz vor dem
Auftritt immer so oft zur Toilette. Das ist das Lampenfieber. « Ich grinste
zurück und sagte mit betont mütterlicher Stimme: »Das gibt sich ganz sicher
gleich wieder mein Junge, du wirst schon sehen. « Er war diesmal elegant in
schwarz gekleidet. Natürlich in Lederhose. Kurze Zeit später begrüßte mich der
Gitarrist und ich fragte ihn, ob man im Logo noch rauchen dürfe, weil es ja in
dieser Sache eine neue Gesetzgebung gab. Er zeigte mir die kleine Rauchermeile
beim Eingang und dann erzählte er mir, wie er tapfer zum Nichtraucher geworden
war. Von einem Tag auf den anderen. Beneidenswert. Er erzählte mir auch, wie
schwer es für ihn war, den Job und die Auftritte unter einen Hut zu bekommen.
Zum Glück hatte es auch diesmal wieder geklappt. An diesem Abend verriet er uns
auch, dass es am Anfang des Konzertes eine kleine Überraschung geben sollte. Die
Spannung wuchs, als sich der Laden immer mehr füllte.
Hinter dem schwarzen Vorhang hörte ich den
Ruf des Schamanen, unheimliche Orgelklänge, den Sound aus dem Underground. In
dieser Finsternis wurde der König der Eidechsen zelebriert. Die Königsschlange
kroch über den Boden, wand sich und erhob das Haupt. Es war mir, als würde Jim
Morrison dort hinter dem Vorhang mit der Rassel in der Hand in seinen azurblauen
Wäldern mit den vergessenen Seelen tanzen. Die Klänge regten die Phantasie an
und die Stimme des Sängers war unglaublich kräftig. Dieser Konzertanfang gefiel
mir unglaublich gut.
Zwischen den heiteren Liebesliedern, dem
wehmütigen »Blue Sunday « und dem »Lost Little Girl «, wurden an diesem Abend
auch einige Stücke gespielt, die politisch eingefärbt waren und vom Blut in den
Straßen handelten. Jim Morrison sah sich damals knietief in diesem Blut waten,
als der Vietnamkrieg seinen Höhepunkt erreicht hatte. Die Doors waren in dieser
Zeit sehr unbequem und gefährlich, weil sie keine seichte Popmusik machten. Jim
Morrison war ein Mann der Gefühle, der das Unrecht aus sich herausschreien
musste. Er hielt nichts von qualvoller Verdrängung und er griff in seinen
Liedern die Despoten an. Der Sänger der Backdoors bewies an diesem Abend, dass
die infernalischen Schreie des Jim Morrison immer noch möglich sind. Ich kenne
niemanden außer ihm, der diese Aufschreie, die tief aus dem Bauch kommen müssen,
so authentisch rüber bringt. Das kann man nur, wenn man den Blues im Blut hat.
Der Sänger spielte an diesem Abend mit dieser Fähigkeit, und es entwickelte sich
wieder einmal ein kleiner Dialog mit dem Publikum, das dabei immer lockerer
wurde und sich in die Musik mit einbezogen fühlte. Ich musste herzlich lachen,
als der Sänger sagte: »Ich muss einfach alles aus mir herausschreien. Ich muss
auch schreien, wenn ich Frau Merkel im Fernsehen sehe. « Diese kleine Anmerkung
machte mich nachdenklich. Es mag sein, dass wir eigentlich völlig unberührt
sind, wenn das Bild unserer Kanzlerin über die Glotze flimmert. Aber ich glaube,
tief im Inneren spüren wir alle, wie kalt und wie gleichgültig die Politiker uns
regieren. Sie haben keine Visionen mehr und jede humanistische Philosophie ist
ihnen inzwischen abgegangen. Ein grausamer Neo-Kapitalismus hat sich
durchgesetzt. Der Erdball mutiert zum Narrenschiff, da möchte man doch am
liebsten mit Jim Morrisons Kristallschiff zu neuen Ufern segeln. Da gibt es noch
die Sehnsucht nach echter Kunst, die dem kalten Krieg und dem Terror etwas
entgegen setzen kann, und es gibt immer noch die Sehnsucht nach Zusammenhalt.
Wenn es diese Sehnsucht nicht gäbe, dann wären die Backdoors nicht so beliebt.
Immer wieder schaffen sie es, mit ihrem »Let’s get together one more time « die
Wärme und die Liebe und die Menschlichkeit zu beschwören. Sie schaffen es auch,
weil sie einfach gute Musiker sind. Die Bassistin spielte an diesem Abend
Trompete, weil sie sich gerne weiterentwickelt. Der Gitarrist lässt sich auch
immer wieder etwas Neues einfallen und das wurde an diesem Abend mit lauten
Otto-Rufen aus dem Publikum belohnt. Der Keyboarder machte den Song »Riders On
The Storm« zum klanglichen Genuss und der Schlagzeuger brachte ein schönes Solo.
Leider ging der »Moon of Alabama « an diesem
Abend wieder viel zu schnell unter. Die Gruppe hatte dem alten Kurt Weill an
diesem Abend noch einmal die Ehre erwiesen. Dem alten Bert Brecht hätte es
gewiss gefallen, wie die Backdoors die Ballade von Mackie Messer in ihre Musik
eingebaut haben. Es ist schön, dass die Backdoors für uns so viel bewahren.
Zum Schluss möchte ich noch einmal darauf
eingehen, warum Jim Morrison in seinen Liedern so oft die Schlange beschwört.
Ich will es machen, weil der Sänger etwas traurig bemerkte, dass es immer wieder
Zuschauer gibt, die sich nur ganz oberflächlich für die Songs der Doors
interessieren. Sie wollen immer nur den Song »Light My Fire « hören und können
sich Jim Morrison immer nur als Trunkenbold vorstellen. Sie wissen nicht, dass
er ein sehr tiefsinniger und gebildeter Mann war, ein Mystiker, der auch
Gedichte geschrieben hat. Da ich mich seit Jahrzehnten für Religion und Mystik
interessiere und viele Bücher darüber gelesen habe, möchte ich hier einmal kurz
das Thema der Schlange anreißen. Der große Mystiker Friedrich Weinreb war mir
dabei eine unerschöpfliche Quelle:
Das Symbol der Schlange wird in der
christlichen Tradition immer mit dem Bösen in Zusammenhang gebracht. Die
Schlange ist die Inkarnation des Teufels, sie ist der Satan oder Lucifer, der
gefallene Engel des Lichts. Diese Schlange ist dafür verantwortlich, dass der
Mensch aus dem Paradiese vertrieben wurde. Die Schlange verführte Eva dazu, die
Früchte vom Baum der Erkenntnis zu essen. Die Früchte vom Baum der Erkenntnis
waren die Unterscheidung von Gut und Böse. Der Mensch war hiermit aus der
Einheit heraus gefallen, kannte nun Licht und Schatten. Das dualistische Denken
zerriss ihm jetzt die Seele. Der ständige Zweifel war nun sein Begleiter. Er
verzweifelte darüber, dass mit dem Tod alles zu Ende war. Er bedeckte seine
Scham mit einem Feigenblatt, weil er sich dafür schämte, dass auch seine Kinder,
denen er das Leben schenkte konnte, auch dem Tod anheim fallen sollten. So
glaubt der Mensch nicht mehr an den Sinn des Lebens und vertraut dem »Ewigen «
nicht mehr. Der »Ewige « ist eine Umschreibung des unaussprechlichen Namen
Gottes, von dem wir uns kein Bild machen können. Aber in der urchristlichen
Tradition gibt es auch das heilige Symbol der Schlange. Sie wird oft so
dargestellt, dass sie einen Kreis bildet, indem sie sich selbst in den Schwanz
beißt. Es gibt auch das Bild von der Schlange am Kreuz. In diesem Bild wird die
Schlange mit Jesus Christus gleichgesetzt. Der Name Jesus (hebräisch Jeschua)
bedeutet in der Übersetzung Erlösung. Die Erlösung kommt, wenn der Mensch die
Früchte vom Baum des Lebens findet. Er kann die Angst vor dem Tod überwinden und
den Sinn des Lebens wieder entdecken, wenn er das Vertrauen und die Hoffnung in
das »Ewige « nicht verliert. Das Ewige darf man nicht mit dem Unendlichen
verwechseln. Das Ewige ist ein Zustand, in dem die Zeit aufgehoben ist.
Unvorstellbar für den Menschen, aber er kann es erahnen. In der Ewigkeit sind
die Vergangenheit und Gegenwart und die Zukunft eins. Wenn der Mensch seine
Gegenwart wie das »Ewige « zu loben und zu genießen vermag, ohne es mit seinem
Verstand zu analysieren, dann hat er die Angst vor der Schlange verloren, dann
sind Schlange und Erlösung identisch. Nur dann hat er die Chance, die Erlösung
in seiner Seele nachzuvollziehen. Vorraussetzung dafür ist das Annehmen und
Verströmen einer Liebe, wie sie Jesus gelehrt hat. Das Gift der Schlange kann
auch heilsam sein. Es kommt immer auf die Dosis an. Ich glaube, aus diesem
Grunde hat Jim Morrison so oft die Schlange besungen. Wenn wir keine Angst vor
ihr haben, dann führt sie uns zum uralten See, zur Quelle der Ahnen.
Die Zeit schreitet voran und die Welt
ändert sich. Sie ist hektischer und liebloser geworden. Manchmal sehnen wir uns
nach Geborgenheit und Liebe, aber wir sprechen nicht darüber – auch nicht über
unsere Träume. Nur die Musik kann uns heben, leichter machen und das Herz
öffnen.
Gestern war ich im Schoß der Familie gut
aufgehoben. Wir hatten uns in dieser dunklen Jahreszeit zu einer Nikolaus-Feier
verabredet. Im Hause der Gastgeber war es urgemütlich. Überall flackerten
Teelichter in den Farben der untergehenden Sonne. Die älteren Leutchen saßen an
einem erhobenen Tisch und wir jüngeren hatten uns wie die Indianer im Kreis
versammelt. Leise lief die Musik von Sting, als wir angeregt miteinander
plauderten. Ein Hund mit flauschigem Fell döste wohlig vor sich hin. Auf dem
Tisch lag nun endlich das Buch, das ich mit Anna-Maria Ruf zusammen geschrieben
hatte. Meine Familie hatte es begeistert (und mit vielen Fragen auf den Lippen)
in Empfang genommen. Ich betrachtete das schwarze Cover mit den Umrissen des
jungen Jim Morrison, dessen Gesicht ein blauer Schmetterling umflatterte.
Drei Jahre hatten Anna-Maria Ruf und ich
daran geschrieben. Es heißt »END OF THE NIGHT oder DER RUF DES SCHMETTERLINGS «.
Gleich am Anfang hatten mich die Backdoors auf dieser Reise ans Ende der Nacht
begleitet. Wie oft hatte ich mich durch das Dunkel der Nacht geschrieben, in
heißen Sommer- und in kalten Winternächten. Mir kamen all die Auftritte in den
Sinn, in denen die Backdoors den Song »End OF THE NIGHT « nur für mich gespielt
hatten, um mir für jeden weiteren Buchstaben auf dem Bildschirm des Computers
Mut zu machen. Das charismatische Gesicht des Sängers stand vor meinen Augen,
der es immer wieder schaffte, das Publikum in die Show zu integrieren. Der Rest
der Truppe war so geerdet wie ein Baumstamm. Mit ihrer Präsenz hatten sie es
immer wieder geschafft, dass die Post so richtig abgeht. Ich war mit dieser
Gruppe geistig verwurzelt, weil es auch ihr Anliegen war, die Worte von Jim
Morrison und seine poetische Denkweise wieder lebendig zu machen. Im Laufe der
Zeit hatten sich meine kleinen Aufsätze über die Gigs der Backdoors zu einer Art
Tagebuch entwickelt, das unsere Seelenlage und den Zeitgeist widerspiegelte.
Ich musste an den letzten Auftritt der Band
in dem kleinen Lokal BaRRock denken. In dieser Zeit waren aus technischen
Gründen mein Computer und mein Fernseher für eine kleine Weile ausgefallen. Das
war ein seltsames Gefühl, als ich mich ganz auf mich selbst besann. Ich sah die
Nachbarn in den hell erleuchteten Fenstern vor ihren Bildschirmen sitzen und auf
den Straßen hasteten die Menschen mit ihren Handys am Ohr an mir vorbei, um
kurze Satz-Fetzen von sich zu geben, weil lange Botschaften unbezahlbar waren.
In Bussen und Bahnen sah ich die Mitreisenden mit verstöpselten Ohren an ihren
Musikgeräten hängen. Die frostige Isolation fiel mir auf, die Verstörung der
Seelen durch Angst- und Panikmache in den Medien. Auch der Hass wurde hier
geschürt, die Sprachlosigkeit und das Gefühl der Ohnmacht. Umso mehr freute ich
mich dann auf das Konzert der Backdoors. Dort fühlte man sich wie in einem alt
eingeschworenen Indianerstamm. Das Lokal war in kleinen Ecken ganz
unaufdringlich im Stil der sechziger Jahre eingerichtet. Rotglitzernder Efeu
rankte sich dort um ein uraltes Radio. An diesem Abend hatte die Band die
ruhigen Stücke der Doors eingeübt. Mit den Lyrics von »Yes, the river knows «
tauchten wir in den mystischen Wein, den Fluss der Zeit. Diese in den Fluss
gekommenen Gedanken und Gefühle ließen uns am Ende dann auch in den Dialog
kommen. Ich fühlte mich wieder im Anschluss, die Welt war wieder heil. Die
Schwingungen der Musik hatten ihren Weg durch harte Wände gefunden. Die dort
versammelten Menschen fingen an zu tanzen, der Kellner musste sich mit seinem
beladenen Tablett mühsam einen geschlängelten Weg bahnen, und als ich in der
Pause zur Toilette musste, rief mir ein junger Mann auf dem Flur begeistert zu:
» Die Band da draußen ist ja einfach Spitze! « Da konnte ich nur zustimmen.
Meine Erinnerungen wurden unterbrochen. Mein
Cousin schien Gedanken lesen zu können. Er reichte mir einen Teller mit Kuchen
und sagte mir, während ich immer noch gedankenverloren auf das Buch guckte: »
Weißt du noch, wie wir uns damals in Volksdorf im Riff verabredet hatten? Dort
spielten doch die Backdoors und ich konnte leider nicht kommen. Das ist wirklich
schade. Meine Freunde in Volksdorf erzählen mir doch tatsächlich bis heute, wie
großartig die Band gewesen ist. Das ist nun schon so lange her, aber meine
Freunde schwärmen immer noch davon. Sie erzählen mir alle, dass der Sänger ja
vielleicht wirklich Jim Morrison gewesen sein könnte, so ähnlich sei er ihm
gewesen. Sie sagen, dass es nie einen besseren Gig in dem Lokal gegeben hätte.
Total gute Stimmung. Die Hütte hat gerockt. Da muss soll wirklich der Bär
getanzt haben. Wäre schön, wenn sie mal wieder kommen, das will ich mir nicht
noch einmal entgehen lassen. «
Die Worte machten mich in diesem Moment
glücklich, weil mein Cousin nun wusste, dass ich ihm nicht zu viel versprochen
hatte. All die Jahre hatten die Backdoors mich begleitet und bei jedem Auftritt
hatte ich ein Himmelszeichen entdeckt. Diesmal war mein innerer Stern
aufgegangen, der tief in meinem Herzen leuchtete. Danke Backdoors, dass ihr mich
bei allen Höhen und Tiefen in meinem Dichterleben treu begleitet habt. Eure
Musik hat einen guten Geist beschworen, der seine Früchte trägt.
Die Zeit schreitet voran. Wir merken es
nicht, weil wir in ewiger Gegenwart leben. Dennoch vergeht die Zeit. Der Winter
liegt bald wieder hinter uns, ja so wird es sein, wenn die Erde sich weiter
dreht. Vor einigen Tagen lag meine kleine Straße im Schnee. Die Flocken
rieselten vom Himmel herab. Das alte Jahr ist vergangen. Die Zeiten sind härter
geworden. Es kriselt in der Finanzwelt. Ein gemeinsames Konzert mit den
Backdoors und einer Santana-Cover Band ist abgesagt worden. Viele schöne Dinge
scheitern am Egoismus einiger Leute. Aber es gibt auch noch Idealisten, Menschen
wie die Musiker der Backdoors, Lichter am Firmament, die das Leben fröhlicher
und bunter machen.
Heute war wieder ein schöner Wintertag. Die
Sonne stand wie eine weiße Scheibe am Himmel und wurde zeitweilig von vorüber
ziehenden dunklen Wolken poliert. Die Äste der Bäume waren vom klirrenden Eis
umschlungen, die Straßen wie gepudert. Weiße Winterwelt im Januar 2009. Die
Kälte zieht alles zusammen. In meinem Zimmer ist es warm, im Fernsehen läuft
eine Sendung über die jüdische und christliche Religion. Im warmen Israel
schlafen die Menschen in ihren selbst gebauten Hütten unter den Sternen während
des Laubhüttenfestes. Das Studium der Thora in warmen Studierzimmern besteht aus
dem Lesen der heiligen Schrift, Fragen und Gegenfragen. Der Buchstabe ist
heilig. Der Gesang ist heilig. Jesus erzählte Geschichten vom lebendigen Wasser,
das die Seelen erfrischt. Er wird als das Licht der Welt bezeichnet. Manchmal
schimmert dieses Licht auch durch unsere kleinen Geschichten, wenn wir
weitherzig sind. Ich habe damit angefangen, die bezaubernden Gedichte von Darryl
Read zu übersetzen.
Am 16. Januar gab es ein Konzert mit den
Hamburger Backdoors und den Backdoormen aus Hannover unter dem Motto »Love Me
TWO TIMES « im Cotton Club. Wir mussten eine Weile vor der verschlossenen Tür
des Clubs warten, weil wir zu früh gekommen waren. Dort hielten wir einen
kleinen Plausch mit anderen Gästen ab. Der Gitarrist der Backdoors kam zu uns
heraus, um den Frierenden die Zeit zu versüßen. Leider hatte er nichts Gutes zu
berichten. Er erzählte uns, dass der Bassist der Backdoormen brutal überfallen
worden war und nun im Krankenhaus lag. Grundlos. Abgezogen nennt man so etwas.
Einziges Motiv: Die Gier nach einem Handy und etwas Taschengeld. Wir waren
entsetzt über diese Tatsache. Die Backdoormen waren natürlich leicht
verzweifelt, weil sie nicht wussten, wie sie ohne den Musiker auftreten sollten.
Als wir den altehrwürdigen Cotton Club endlich betreten durften, standen
Schlagzeug und Orgel einsam auf der Bühne. Dicht daran gedrängt Tische und
Stühle. Es gab einen abgetrennten Raucherraum, in dem wir den Sänger der
Backdoormen trafen. Ein junger sympathischer Mann mit einem Lockenkopf. Er
wirkte etwas erleichtert, weil Julia und Jens von den Backdoors für ihren
kranken Musiker einspringen wollten. Es war dann auch eine schöne Geste, als die
Gäste vor dem Konzert dazu aufgefordert wurden, ein Plakat mit Genesungswünschen
zu unterschreiben. Das Plakat machte die Runde und währenddessen schaute ich mir
die Gesichter der Gäste an. Ein bunt gemischtes Völkchen. Alle Alterstufen waren
vertreten. Eine Japanerin, ein ganz junger Mann, beinahe noch ein Kind, und eine
ältere Herrenriege waren auch darunter. Alle gaben gern ihre Unterschrift und
viele gaben sich Mühe, wirklich schöne und poetische Sätze für den Verletzten zu
finden.
Es war wirklich unglaublich, wie schnell
sich Julia am Bass und Jens an der Orgel mit den Backdoormen eingespielt hatten.
Die Orgel gab einen wunderbaren Klangteppich her. Jens schwärmte in den Pausen
auch von diesem Instrument. Der Sänger der Backdoormen hatte eine kraftvolle
Stimme und er wiegte seine Hüften im Rhythmus einer sich windenden Schlange. Die
Gruppe aus Hannover war wirklich gut und die Gäste kamen gleich in Stimmung.
Leider gab es keinen Raum zum Tanzen, deshalb forderte der Sänger die Leute auf,
doch im Geiste zu tanzen und unter den Tischen mit den Füßen zu wippen, was
einige dann auch taten. Die Japanerin animierte ihre Tischnachbarn zum
Schunkeln, als wäre sie immer schon eine alte Rheinländerin gewesen. Die
Backdoormen interpretierten die Songs der Doors auf ihre ganz eigene Art, sehr
einfallsreich, manchmal poppig, dann wieder rockig. Der Blues, den Jim Morrison
so liebte, kam auch nicht zu kurz. Ausgerechnet bei dem Song »Light My Fire «
verspielte sich Jens an der Orgel, aber das wurde von allen überhört, denn Julia
und Jens hatten die ganze Zeit ihr Bestes gegeben, was dann auch mit einem
großen Applaus belohnt wurde. Die Freundin vom Sänger der Backdoors war von der
Musik der Backdoormen ganz angetan. Sie erzählte mir, dass die Stücke der Doors
immer wieder ihr Herz berühren, weil dann die Erinnerungen aufsteigen. Die Musik
speichert ewige Momente ab. Eingefrorene Zeit mit intensiven Gefühlen, die immer
wieder wachgerufen werden.
Im zweiten Akt kamen dann die Backdoors auf
die Bühne. Der Sänger verwandelte sich gleich wieder in einen Schamanen. Die
Musik der Backdoors bewahrt immer ihren Glanz, obwohl die Stücke immer neu
interpretiert werden. Erstaunlich, was die Bassistin aus ihrem Saxophon und Jens
aus seiner Orgel hervorzauberte. Die Gruppe schafft es immer wieder, das
Publikum in ihre Performance mit einzubeziehen, obwohl es in diesen engen Räumen
sehr schwierig war. Ständig sah man Blitzlichter aufleuchten, weil die Gäste die
Gruppe mit der Kamera einfangen wollten.
Das Schönste aber war der Schluss an diesem
langen Abend. Die Backdoormen und die Backdoors veranstalteten eine kleine
Jam-Session. Sie spielten »Little Red Rooster « und improvisierten ganz frei
über die dunklen Wonnen, die eine Gitarre verheißen kann. Über dieses Thema
hatte Darryl Read auch ein schönes Gedicht geschrieben. Die Sänger
brachten etwas Dadaismus ein, spielten mit gleich klingenden Wortlauten, die
immer dynamischer vorgetragen wurden. Die Gitarristen wurden an diesem Abend
gefeiert und es wurde immer später, der Morgen brach schon an. Ich hatte mich
gerade von einer längeren Krankheit erholt und freute mich auf das warme Bett.
Ich wäre auch gern noch geblieben und hätte die letzten verwehenden Töne der
schönen Jam-Session noch gehört, aber ich sehnte mich auch nach einer Mütze voll
Schlaf. Die Freundin von Jim Lizardking war so freundlich, mich in ihrem Auto
nach Hause zu fahren. Beim Ausgang des Lokals betrachten wir die Fotos an der
Wand. Da war Louis Armstrong auf einem vergilbten Foto zu sehen. Eine Legende
des Jazz. Der Schriftsteller Henry Miller hatte seine Buchstaben im Rhythmus
dieser Musik noch auf die Walze seiner alten Schreibmaschine geklopft. Ich
husche schnell mit meinen Fingern über die Cherry Tastatur meines Computers,
lasse mich von der Musik der Doors immer noch inspirieren, weil es Cover Bands
gibt, die es verstehen, den alten Sachen neues Leben einzuhauchen.
Der Sommer ist schon wieder ins Land
gezogen. Sommer 2009. Die Zeit läuft. Der Himmel war bewegt, als ich mich mit
JLK in Altona traf. Die Sonne versteckte sich immer wieder hinter Wolkenfeldern.
Wir sprachen über Paris und über die wundervollen Gedichte von Darryl Read, die
ich gerade übersetzt hatte. Wir waren gespannt auf das Konzert der Backdoors,
die diesmal ein Konzert in einem Bauwagen geben wollten. Wie soll das gehen? Der
Bauwagen stand auf einem Parkplatz in der Nähe der alten Flora, also mitten im
Sternschanzenviertel. Mal wieder etwas Kultur im Nest der Autonomen, die in
diesem Stadtteil immer wieder von sich reden machen.
Als wir auf dem Parkplatz ankamen, war die
Crew schon dabei, die Instrumente in den Bauwagen zu tragen. Das urige Klavier
stand schon auf der winzigen Bühne. JLK bot sich mit mir zusammen als Roadie an.
Leider durften wir nur zwei Stative für den sympathischen Schlagzeuger die
kleine Holztreppe hinauftragen. Der Gitarrist hatte seine blitzende, metallisch
klingende Lady schon unter dem Arm. Die Bassistin stellte einen grazil gebauten
Bass in die Ecke. Der Bauwagen erinnerte an den Zirkus und im Inneren war es so
gemütlich eingerichtet wie in der alten Hippie-Zeit, alles leuchtete in einem
schönen Orange. Mir fiel eine Zeile aus einem Gedicht von Darryl Read ein: »Und
wir lieben, wenn Blau sich in Orange verwandelt «
Im Blau steckt der Blues. Diese
Traurigkeit, die sich in der Musik einen Ausdruck verschafft, erhellt sich und
endet in einer Sonnenuntergangsstimmung. Jim Morrison hat im Blues immer die
Wurzel der Musik gesehen. Sie kommt aus Afrika und berührt auch die Herzen der
Weißen, die sich in alten Zeiten an klassischer Musik und den magischen
Madrigalen berauscht haben. Als die Backdoors anfingen zu spielen, war auch
gleich ein wenig von der New Orleans Atmosphäre zu spüren. Der Sänger hatte kein
Mikrophon vor der Nase. Er stand geerdet vor dem Publikum, das gedrängt in dem
kleinen Zigeunerwagen saß. Um den Bauwagen herum waren die sommerlich grünen
Bäume mit bunten Laternen verziert und überall standen Tische und Stühle. Die
Kerzen leuchteten, und es war schon erstaunlich, dass die Menschen, die draußen
saßen, die Musik auf wunderbare Weise hören konnten. Die Stimme des Sängers war
tragend. Sie war aber auch zart, so dass die Texte und die Musik der Doors ganz
neu klangen. In unserer elektronisch verkabelten Zeit ist es mal wieder eine
ganz neue Erfahrung, wenn die Musik ohne Verstärker auskommt. Es gibt nur wenige
Rockmusiker, die den Mut haben, ihr Können auf diese Art zu offenbaren. Der
Sänger hatte die richtige Atemtechnik und die anderen Bandmitglieder waren so
herzerfrischend aufeinander eingespielt, dass es eine helle Freude war. Diese
Freude spiegelte sich in den Gesichtern der Zuschauer. Die Leute sangen mit und
am liebsten hätten sie getanzt, was aber in diesem kleinen Wagen unmöglich war.
Die Gruppe spielte an diesem Abend auch
viele ruhige und beschauliche Stücke. Ich bedankte mich für das Lied »END OF THE
NIGHT«, das unplugged ganz zauberhaft klang. Das Wort »unplugged« bedeutet »ohne
Steckdose«. Man stelle sich das heute einmal vor: Ein Haus voller Klänge und
Musik, aber ohne Steckdose! Jim Morrison hatte in einen seiner Songs etwas
Country-Musik hineingeschmuggelt. Der Sänger machte es lebensecht, indem er sich
die Nase mit einer Wäscheklammer zuhielt. Der Humor kam an diesem Abend gewiss
nicht zu kurz.
Die Backdoors hatten an diesem Abend ein
buntes Programm. Sie machten immer wieder kurze Pausen zwischen den Liedern. Das
kleine Plumpsklo im klitzekleinen Bauwagen nebenan war festlich mit Teelichtern
bestückt. Draußen kam man ins Gespräch. Eine Frau, die sehr musikalisch war,
trug dem Sänger eine Bitte vor. Um Mitternacht hätte jemand Geburtstag. Ob die
Gruppe da wohl den Song vom Spion im Haus der Liebe vortragen könne. Als dieser
Zeitpunkt dann unweigerlich kam, stand sie mit einer Kerze in der Hand mitten im
Bauwagen. Der Sänger fragte: »Wo ist denn das Geburtstagskind?« Es stellte sich
heraus, dass sie es selbst war. Es war ein rührender Moment, als der Sänger die
Frau in die Arme nahm.
Es war schon spät geworden, als die Gruppe
»RIDERS ON THE STORM« spielte. Auch das war ohne elektronische Orgel möglich.
Der Schlagzeuger zauberte mit seinen Becken einen Klangteppich hervor, der einen
Regenschauer imitieren konnte. Der Song »MOONLIGHT DRIVE« klang unglaublich
schön, weil der Gitarrist so gut mit dem Flaschenhals umgehen konnte. Am Ende
der Session wurden wieder Zugaben verlangt. Weil im Bauwagen Rauchverbot
herrschte, wurde eine kleine Jamsession kurz nach draußen verlegt. Der Abend
hatte einen schönen Ausklang, unter grünen Bäumen und dem Sternenhimmel.
doorsfeeling im 21. jahrhundert Die Backdoors aus
Hamburg interpretieren, wie der Name schon vermuten lässt, die Songs der
legendären Doors um den leider früh verstorbenen Rockpoeten Jim Morrison. Die
Doors waren zweifellos eine der innovativsten Bands am Ende der 60er Jahre. Ihre
bluesorientierte, hypnotische Musik sorgte in Verbindung mit der exzessiven
Performance Jim Morrisons für weltweites Aufsehen. Morrisons tragisches Ende
bedeutete auch das Ende der Doors, nicht aber für deren Musik, welche immer noch
genauso unverändert kraftvoll und tiefschürfend wirkt, wie vor 40 Jahren. Das
Schlagzeugintro von Who do you love ertönt und die
Backdoors
betreten mit Percussion-Instrumenten die psychedelisch rot benebelte Bühne.
Glaubhaft und symphatisch leiten sie das Publikum für diesen Abend zurück in die
60er Jahre und lassen das Feeling der Doors-Konzerte wieder aufleben. Der Sänger
sieht Jim Morrison nicht nur ausgesprochen ähnlich (auch wenn er inzwischen
doppelt so alt ist wie Jim Morrison an seinem letzten Tag, wie er stolz von der
Bühne verkündet), er schafft es auch, mit seiner sanften Stimme nicht nur den
weiblichen Teil des Publikums in Gänsehaut-Stimmung zu versetzten. Auch der Rest
der Band überzeugt mit mystischem Sound und beständigem Groove. Die Show ist aufgeteilt
in 2 Sets, in denen die großen Hits wie The End und Riders In The
Strom natürlich nicht fehlen. Das Konzert wird unter tosendem Beifall
beendet und die Zugaberufe werden unter anderem mit Light my Fire
beantwortet. Ein wirklich schönes Erlebnis!
© Nina Schober
Am
12. September gaben die Backdoors wieder ein Konzert im Volksdorfer Riff. Es ist
schon wieder eine Woche vergangen. Die Zeit rennt. Ich muss aus dem Gedächtnis
schreiben. Der Sommer ist beinahe vorbei. Die Bäume wollen die Blätter bald
wieder im goldenen Kleide im Winde tanzen lassen. Die Anreise nach Volksdorf war
mit kleinen Hindernissen verbunden. Ich hatte meinen Rucksack mit Büchern voll
gepackt, die ich im Riff verkaufen wollte. Das Buch hatte ich auch in Begleitung
der Backdoors geschrieben, weil sie mich mit ihrer Musik immer wieder zu schönen
Sätzen inspiriert hatten. Die Sätze umkreisten die Ikone Jim Morrison, der tief
im Herzen ein sensibler Dichter gewesen ist. Diese Tatsache ist noch nicht ganz
durchgedrungen. Den Hamburger Backdoors ist es zu verdanken, dass auch diese
Seite des Künstlers Jim Morrison mehr und mehr wahrgenommen wird.
Auf dem Weg zum Bahnhof traf ich noch
meinen alten Freund; und wir kamen am Kiosk noch etwas ins Plaudern. Die Fahrt
nach Volksdorf wurde in der U-Bahn unterbrochen, wir mussten in den Bus
umsteigen. Überall sah man blaue Lichter der Feuerwehr bei der Trabrennbahn
aufleuchten. Zum Glück hatte das Konzert noch nicht begonnen, als ich am Riff
gestrandet bin. Die Gruppe hatte sich schon vor der Tür versammelt und es
dauerte auch nicht lange, bis sich unsere kleine Fan-Gemeinde vervollständigt
hatte.
Mein Büchertisch stand gleich am Eingang und
ich kam mit dem Mann an der Kasse gleich in ein nettes Gespräch. Das Riff in der
Koralle ist ein schönes Lokal. Die beiden korallenfarbigen Glasschiebetüren beim
Eingang sind immer wieder faszinierend, weil sie sich wie von Zauberhand öffnen.
Die Innenräume sind sehr gemütlich und das Personal ist sehr freundlich. Das
Publikum ist auch sehr erlesen. Ich fand es ganz entzückend, dass ich von den
Hereinkommenden freundlich begrüßt wurde. Die Backdoors waren ein wenig
enttäuscht, weil an diesem Abend nicht so viele Leute gekommen waren. Aber
dieser Spätsommer war sonnig und die Umgebung von Volksdorf war grün, da waren
die Leute wohl ausgeflogen. Mein Gedanke war, dass ein Konzert auch sehr schön
sein kann, wenn die Leute sich vor der Bühne nicht auf die Füße treten, aber der
Sänger verriet mir im Vorbeigehen, dass er immer die Tuchfühlung zum Publikum
brauche.
Mein Gedanke hatte sich aber bestätigt. Es
ist ein Abend mit magischen Momenten geworden. Die Gruppe spielte »SUMMER’S
ALMOST GONE“, als mir noch einmal ganz warm ums Herz wurde. Die Wehmut des
Abschieds, eine kleine und bescheidene Melodie, die in ihrer Einfachheit das
Göttliche beschwört, die philosophische Frage, die niemand beantworten kann,
sich aber dennoch dem Hörer aufdrängt: »Wo werden wir sein, wenn der Sommer
vorüber ist? Der Morgen fand uns ruhig in unserer Unwissenheit. Mittagsstunde
brennt Gold in unser Haar. In der Nacht schwimmen wir im lachenden Meer. Wir
hatten gute Zeiten, aber sie sind vorbei. Der Winter wird kommen. Der Sommer ist
gegangen. Wo werden wir sein, wenn der Sommer vorüber ist?«
Die Bühne lag im goldenen Licht, das langsam
verlosch. Der Sänger hatte das Lied in voller Konzentration vorgetragen, so dass
der Text in mir noch einmal Revue passieren konnte. Die Zuschauer sahen
nachdenklich aus, ein zarter Glanz lag in ihren Augen. Die Gruppe gewährte uns
einen schönen Traum. Das Schlagzeug war ein angenehmer, sanfter Klangteppich,
die Orgel spielte mit Ornamenten aus dem Barock und die Gitarrenklänge glitten
leicht durch den Raum.
An diesem Abend wurde alles von der Stimmung
des Blues getragen. Die Gruppe spielte das selten vorgetragene Stück »RUNNIN
BLUE“ mit großer Hingabe. »Poor Otis dead and gone.“ Ich kann mich noch gut an
den Tag erinnern, an dem Otis Redding gestorben ist. Er verunglückte in einem
Flugzeug im Dezember 1967. Jim Morrison hatte der frühe Tod des großen
Soulsängers sehr traurig gemacht. »Armer Otis, tot und gegangen. Lässt mich
hier, sein Lied zu singen. Hübsches junges Mädchen trägt ein Kleid, das ist rot.
Armer Otis, er ist tot.« Ich kann mich an den Song »DOCK OF THE BAY“ von Otis
Redding gut erinnern. Dieses Lied war der erste Blues, den ich dank Mittelwelle
erleben durfte. Das Lied ergreift mich bis heute. Jim Morrison sang: »Nun gut,
Ich habe den laufenden Blues. Laufe fort, zurück nach L.A. Muss ihn finden, den
DOCK OF A BAY. Vielleicht finde ich ihn, zurück in L.A.« Die Backdoors hatten
alte Erinnerungen wieder an die Oberfläche gebracht und im Lauf des Abends
wiegten sich die Körper der Zuschauer im Rhythmus der Musik.
Nach einiger Zeit zog es die
Zuschauer wie magnetisch zum Tanzen vor die Bühne. Man will
sich zu dieser Musik bewegen. Die Gedanken wurden auch bewegt. Die
Texte von Jim Morrison werden auch in unserer Zeit wieder ganz aktuell.
»I CAN’T SEE YOUR FACE IN MY MIND« Der Text
beschreibt das Suchen und den Zweifel, den wir in unserer Seele tragen.
»Ich kann dein Gesicht in meinem Geist nicht finden. Karneval
Hunde konsumieren die Sätze, kann dein Gesicht in meinem Geist
nicht finden. Weine nicht, Baby, bitte weine nicht. Und sieh mich nicht
an, mit deinen Augen. Ich kann anscheinend die richtige Lüge nicht
finden. Dein Bild will ich nicht brauchen, bis wir auf Wiedersehen
sagen.« Auch dieses seltene Lied wurde von den Backdoors
gespielt, in dem es auch um den Konsum der Kunst in unserer
Gesellschaft geht.
Der Song »THE UNKNOWN SOLDIER« wurde diesmal
mit großer Intensität vorgetragen. Es war schon beeindruckend, wie die Bassistin
den Sänger mit ihrem Gitarrenhals erschoss. Es ist schon erschreckend, wenn man
darüber nachdenkt, dass unser Land schon wieder Soldaten in den Krieg geschickt
hat. Die Songs von Jim Morrison rücken diese Tatsachen wieder ins Bewusstsein.
Das Mahnmal für den unbekannten Soldaten steht nicht nur für einen Soldaten. Wer
hat sie gekannt, die Unbekannten? Wofür sind sie gestorben? Es ist alles
nichtig, wenn der Krieg vorbei ist. Wenn der Krieg vorbei ist, dann wird
ausgelassen gefeiert. So lange der Frieden anhält! Jim Morrison hat sich darüber
Gedanken gemacht.
Gegen Ende des Abends drang der Song »WE
COULD BE SO GOOD TOGETHER« in unsere Ohren. Ja, wir könnten so gut miteinander
umgehen. »Ja, wir könnten. Ich weiß, wir könnten es. Ich erzähle euch Lügen. Ich
erzähle euch boshafte Lügen. Erzähle euch über die Welt, die wir erfinden. Eine
üppige Welt ohne Klage. Vorhaben, Expedition. Einladung und Erfindung. Ja, wir
könnten so gut zu einander sein. Die Zeit deines Wartens vermindert die Freude,
köpft die Engel, die du zerstreust. Engel kämpfen, Engel weinen, Engel tanzen
und Engel sterben. Ja, wir könnten so gut miteinander umgehen.«
In später Nacht sollten die Backdoors wieder
Zugaben geben. Immer wieder gab es Applaus und die Leute riefen:» Backdoors! Ihr
könnt noch ein Lied spielen.« Es dauerte so lange, bis der Sänger schwitzend
verkündete: »Ich bin auch nicht mehr der Jüngste!« Das wollte niemand glauben,
aber jedes Konzert geht einmal zu Ende. Die Musiker verneigten sich in
Eintracht. Nun
ist der Sommer wirklich bald vorüber und beim nächsten Mal spielen die Backdoors
vielleicht »Wintertime Love«. Ich sah am nächsten Tag ein kitschiges Herz
aus Wolken, das sich langsam auflöste. Über meinem Haus erschien ein Regenbogen
und ein Adler schwebte in großer Höhe durch das zart schimmernde Gebilde. Wo
werden wir sein, wenn der Sommer vorüber ist? Ja, wir sollten die Zeit nutzen
und gut miteinander umgehen. Die Backdoors haben wieder zwei Konzerte gegeben.
Es waren wieder schöne Highlights nach diesem harten und langen Winter.
Der Schnee hatte sich über die Dächer gelegt und die Menschen hatten
sich wie die Bären in ihren Höhlen verkrochen. Ich war damit beschäftigt,
die neuen Gedichte aus dem Album "Bleeding Paradise" von Darryl Read
zu übersetzen. Nun freute ich mich auf die Konzerte der Backdoors, denn
sie hatten mir erlaubt, die übersetzten Gedichte aus dem Album "Set"
auf der Bühne vorzutragen. Es war eine Freude, nun ein kleines Mitglied
dieser fabelhaften Band zu werden. Sie hatten mich integriert und ich fand es
wunderbar, dass sie den lyrischen Worten inmitten ihrer dynamischen Musik einen
Raum gaben. Auch sie wollten die Tradition der Beat-Dichter wieder aufleben
lassen. Welch eine Freude, so gute Freunde zu haben, die sich noch engagieren
und sich nicht verbiegen lassen! Mutig sind sie und offen für Experimente!
Ich war dann auch froh, dass mein Vortrag ganz gut ankam. Das Publikum im Logo und im Barrock war aufgeschlossen
und auserlesen, wir haben sehr viel Spaß gehabt. Ich erinnere mich an
ein älteres Pärchen, das ausgelassen Flamenco tanzte und mein Cousin
legte im Logo einen großartigen Pogo hin, ohne jemanden anzurempeln, die
Musik der Backdoors juckte in den Beinen. Ich sitze dort hinter der Tür
und verkaufe ein oder zwei Bücher für die Freunde der Literatur und
beobachte die Hereinkommenden. Ein junger Mann betrachtete an diesem Ort das
Poster der Backdoors und sagte zu seiner Begleiterin: "Sieh mal, der Sänger
sieht ja tatsächlich Jim Morrisson verblüffend ähnlich! Erstaunlich,
nicht wahr? Ich bin sicher, dass es ein guter Abend wird." Mit diesem
Urteil lag er richtig, denn am Ende der Vorstellung waren wieder alle voll des
Lobes. Im Barrock war auch meine liebe Freundin und
Co-Autorin Anna-Maria Ruf zugegen. Sie war ganz hingerissen, weil die Backdoors
das Publikum mit einbezieht und weil sie die Songs spontan verändern, ein
unerwartetes Madley einbringen oder weil dem Sänger eine kleine Geschichte
einfällt. Diese Gruppe ist unnachahmlich, und ich hoffe, dass sie beim
nächsten Mal beim Feast of Friends Doors-Festival auftreten werden, damit
die ganze Fan-Gemeinde in Deutschland auf sie aufmerksam wird. Die Zeiten ändern sich und viele Menschen
werden wach. Die Backdoors spielen das Lied "When The Music's Over"
mit Hingabe. Jim Morrison hat schon vor Jahrzehnten darauf aufmerksam gemacht,
wie schlecht wir mit unserer Mutter Erde umgehen. Darryl Read hat das gleiche
Thema in einem Gedicht wieder aufgegriffen. In den letzten Tagen hat ein Vulkan
seine Asche so weit ausgespuckt, dass die Flugzeuge nicht mehr fliegen konnten.
Vielleicht bringen uns die Backdoors und Darryl Read mit ihrer Poesie in Jim
Morrisons Blue Bus, damit wir wieder Visionen haben, die etwas verändern
können. Der Erde Rache Über Erden totes Land Die jungfräuliche Mutter kommt zu uns (Copyright by Darryl Read und Iris Wilke)
Backdoors live im Logo Hamburg
regioactive.de -
29.07.2009
The Hamburg
Express - 29.09.2005
Der Winter wollte in
diesem seltsamen Jahr 2006 kein Ende nehmen. Es hatte sogar noch im
April geschneit und ein jüdischer Mystiker hatte für dieses
Jahr einen großen Atomkrieg prophezeit. Das war gar nicht so
abwegig, denn der Iran und die Großmacht Amerika spielen mit den
schlimmsten Gedanken. Aber in meinem Alter hat man sich beinahe schon
daran gewöhnt, auf einem Pulverfass zu leben. Das heißt aber
nicht, dass man nicht mehr gegen den Strom schwimmt und sich nicht mehr
auflehnt. Wenn ich resignierte, dann wäre ich kein Fan von Jim
Morrison. Er hat auch immer an die Macht der Musik und die Magie der
Worte geglaubt. Das Konzert der Backdoors sollte diesmal am 12. Mai
stattfinden. An diesem Tag hatte es ein wenig geregnet, nachdem der
Frühling mit Glanz und Gloria und Sonnenschein endlich eingezogen
war. Es gab einige Leute, die hatten wirklich befürchtet, dass es
keinen Frühling in diesem Jahr geben werde. Gott hatte im
Abendsonnenschein über St. Pauli einen wunderschönen
Regenbogen in den Himmel gezeichnet. Jedenfalls hatte mir das mein
alter Freund Deva am Telefon erzählt, als er gerade aus dem
Fenster blickte. Ich hatte zuvor meine schwarze Lederhose und mein
türkisfarbenes Doors-T-Shirt angezogen. Mein Sohn machte noch ein
kleines Nickerchen auf dem Sofa, während ich voller Vorfreude mit
Deva am Telefon über das bevorstehende Konzert plauderte. Deva war
an diesem Abend mit zwei Freundinnen verabredet - und während er
mir davon erzählte, hörte ich immer wieder seine staunenden
Rufe am Telefon, weil der Regenbogen so schön war. Es ist schon
seltsam, aber immer wenn ich ein Konzert der Backdoors besuche, dann
gibt es ein Himmelszeichen. In allen Religionen und Kulturen will der
Regenbogen das Glück verheißen und mein eigener Rufname ist
eng mit diesem Symbol verbunden. Also nahm ich das Himmelsschauspiel
als gutes Omen.
Nachdem ich den Hörer auf die Gabel gelegt hatte,
weckte ich meinen Sohn, denn er wollte mich an diesem Abend unbedingt
begleiten. Er hatte mit mir vor drei Jahren das erste Konzert mit der
Gruppe erlebt. Die Backdoors hatten ihn damals total begeistert. Es war
die Zeit, als ich zusammen mit Annemarie Ruf einen Roman begonnen
hatte, der den Song »End Of The Night« umkreiste. Die
Stimmung dieses Liedes hatte sich damals in mein Gemüt gebrannt.
Inzwischen sind drei Jahre vergangen und der Roman wird in wenigen
Wochen beendet sein. Der Kreis will sich schließen und das Ende
der Nacht bricht an.
Auf dem Weg zur S-Bahn begegneten wir zwei jungen
Männern mit langen Haaren. Als sie mein neonfarbenes T-Shirt
erblickten, begann der eine von ihnen zu singen: »When the
music's over turn out the light!« Sofort zog die helle Freude in
meinem Herzen ein, weil allein das Konterfei von Jim Morrison
wildfremde Menschen auf der Straße zum Singen anregt. Ich sang
diese Zeile auch noch einmal und winkte dem jungen Mann zum Abschied.
Auf dem Weg ins Logo wirkte alles sehr friedlich und feierlich. Die
Bäume waren endlich grün und schräg gegenüber dem
Dammtorbahnhof leuchten hell die Lichterketten um ein Zirkuszelt. Auf
einmal fiel meinem Sohn ein, dass er kein Geld in der Tasche hatte, und
so mussten wir noch einen kleinen Umweg zum Bankautomaten machen. In
diesem Moment war mir klar, dass wir den ersten Song der Backdoors wohl
verpassen würden. Aber wenn das Leben im Fluss ist, dann
lässt man sich führen und vertraut darauf, dass alles im
Einklang ist. Innerlich steigerte sich durch diese Verzögerung
meine Vorfreude auf das Konzert und die Begegnung mit Jim Lizardking
und Jan-Erik Hubele, dem Autor des Buches »Zwischen Himmel und
Hölle. Jim Morrison in Paris« Jan-Erik Hubele lebt in
Kaiserslautern und besuchte wieder einmal unsere Hafenstadt.
Natürlich wollte er bei dieser Gelegenheit die Backdoors auch
einmal live erleben.
Von weitem sah ich dann schon, wie eine kleine
Menschentraube im Logo verschwand. Das Konzert hatte wohl gerade
begonnen. Als wir den dunklen Höhlenbauch des Logo betraten,
fühlte ich mich in der vertrauten Umgebung gleich geborgen. Hinter
dem Empfangstresen stand wieder dieser schöne junge Mann, den ich
vor drei Jahren auch hier erblickt hatte. Der Kreis will sich
schließen, dachte ich wieder. Es war noch viel Platz um die
Bühne im Auftrittssaal und das empfand ich als sehr angenehm, denn
so konnte man sich freier bewegen. Jim Lizardking und Jan-Erik Hubele
standen gleich vorne an einem der Tische und wir nahmen uns gleich zur
Begrüßung in die Arme. Mein Sohn strahlte, als er die beiden
erblickte und ich merkte sofort, dass Jan-Erik Hubele ihm auf Anhieb
sympathisch war. Aber nach wenigen Minuten zog der Sänger der
Backdoors wieder alle Blicke an sich. Der Laden war zwar nur zur
Hälfte gefüllt, aber die Atmosphäre war herrlich. Im
Publikum waren ganz junge Leute, die sich nach kurzer Zeit von dem
Sänger nach vorne locken ließen. Man merkte, dass die Musik
in kürzester Zeit wirklich ihr Herz berührte. Ich sah auch
eine ältere Lady, die wohl ungefähr in meinem Alter war. Sie
tanzte wie ein junger Derwisch im Hintergrund. Bald war mir klar, dass
die Backdoors ihr Repertoire an diesem Abend vollkommen geändert
hatten. Zur Begrüßung erzählte uns der Sänger,
dass jemand das Wort »Arschlöcher « auf ein Plakat
geschrieben hatte. Er musste dabei herzlich lachen und meinte, das
wäre schon ganz richtig, denn der Name Backdoors bedeutet im
amerikanischen Slang tatsächlich Arschlöcher. Er lachte noch
einmal und winkte fröhlich: »Die Arschlöcher
begrüßen euch! « Jim Lizardking hielt sich vor Lachen
den Bauch und Jan-Erik warf grinsend den Kopf nach hinten. Mein Sohn
strahlte bald wieder über das ganze Gesicht, als die Backdoors ihr
Medley anstimmten. Die Orgel hörte sich diesmal sehr gläsern
an, als wären die Töne dem Zeitalter des Barock entsprungen.
Das Schlagzeug war noch dynamischer geworden. Die Stimme des
Sängers hatte diesmal einen magischen Hall im Refrain. Als die
Gruppe den berühmten Song von Kurt Weill anstimmte, legten sich
die jungen Leute die Arme auf die Schultern und tanzten im Reigen, so
wie ich es in meiner Jugendzeit so oft erlebt hatte. Die Friedenstaube
flatterte wieder unsichtbar über unseren Köpfen. Die Gitarre
ließ mich diesmal an einem gewissen Punkt ins Zeitlose abheben.
Es ist ein Gefühl, dass man kaum beschreiben kann. Man lässt
sich einfach von der Musik tragen und alle Gedanken sind ausgeblendet.
Die Zeit ist aufgehoben und es ist, als würde man durch das
Universum schweben. Wenn wir mit dem Zeitlosen verbunden sind, dann
kommen wir Gott näher. Ich hörte die Stimme des Sängers:
»Get together roll roll roll « und diese Worte waren wie
ein göttliches Mantra. Am Rande der Bühne saß ein
junges Menschenkind im Lotussitz, und es schien mir, als wäre es
mit dieser Musik auch in Meditation versunken.
Bei dem Song »Love Me Two Times « juckte es
wieder in den Beinen und es war so herrlich vor der Bühne zu
tanzen. Immer wieder kamen Leute ganz nah an die Bühne, um ein
Foto zu machen. Der Song »Light My Fire« ließ diesmal
wieder alle abheben. Die Gitarre erinnerte mich an diesem Abend oft
ganz entfernt an den Gypsy-Swing von Django Reinhardt. Als ich dem
Gitarristen nach dem Konzert von diesem Eindruck berichtete,
bestätigte er mir, dass ich mit dieser Assoziation gar nicht so
falsch lag, denn er selbst und seine Vorfahren waren wohl mit dieser
schönen Zigeunermusik verwachsen. Die Songs »Soul
Kitchen« und »The End« erinnerten uns bald wieder
daran, dass die Zeit mit jedem Takt voranschreitet. Der schöne
Abend neigte sich wieder einmal dem Ende entgegen. Wir alle sind
unterwegs auf diesem Highway. Die Backdoors fahren mit uns im blauen
Bus. Wir tanzen und sind wie verrückt. Warten auf den Sommerregen!
Die Musik vereint uns von Zeit zu Zeit. Ich genieße die Harmonie
von Augenblick zu Augenblick.
Der Beifall in der kleinen aber feinen Gemeinde wollte
kein Ende nehmen, als das Konzert vorbei war. Es war so schön,
gemeinsam zum Mond zu schwimmen. Die Slide-Gitarre will dich immer
weiter tragen. Der »Roadhouse Blues« brachte am Ende noch
einmal richtig Stimmung in den Laden. Der dadaistische Gesang, diese
herrlichen Lautmalereien am Ende des Songs hatten mir besonders gut
gefallen. Und nun sollte Schluss sein? Let it roll, Baby, all night
long! Nach der Zugabe war der Sänger total durchgeschwitzt, denn
er war mit einer Erkältung auf die Bühne gegangen, was aber
keiner im Publikum bemerkt hatte.
Als das Licht angegangen war, unterhielten wir uns noch
eine ganze Weile. Jan-Erik
Hubele hatte das Konzert sehr gut gefallen. Er war ganz begeistert von
der Performance, weil der Sänger es wie kein anderer versteht, das
Publikum in die Show zu integrieren. Jan-Erik Hubele ist (genauso wie
Jim Lizardking) ein großer Doors-Spezialist und ein Kenner der
Tribute-Bands. Sein Urteil ist immer sehr fundiert und sehr ehrlich.
Jim Lizardking freute sich mit mir, weil es für uns alle ein so
schöner Abend geworden war. Allerdings war er ein wenig
enttäuscht, weil die Gruppe den Song »When The Music's Over
« diesmal nicht gebracht hatte. Kurz bevor wir gehen wollten,
nahm mich der Sänger noch einmal strahlend und glücklich in
seine Arme. Er fragte mich, ob ich traurig wäre, weil die Gruppe
mein Lied »End Of The Night« nicht gespielt hatte. Ich
antwortete ihm, dass ich darüber hinwegkommen würde. Aber
für diesen Verlust wurde ich dann reichlich entschädigt, als
er mir die neueste CD der Backdoors schenkte. Ich habe sie mir
inzwischen angehört. Sie ist wirklich in einer sehr guten
Qualität aufgenommen und vermittelt einen Eindruck von der
Lebendigkeit und Kreativität der Gruppe. Ich habe mich über
diesen Schatz sehr gefreut. Das erste Stück auf der CD ist eine
wunderbare, sehr schöne und psychedelische Aufnahme von »End
Of The Night«. So werden mir die schönen Abende mit den
Backdoors und die Arbeit an meinem Roman in unvergesslicher Erinnerung
bleiben.
Auf dem Heimweg war mein Sohn in total gehobener Stimmung.
Er war der Meinung, dass sich die Backdoors in den letzten drei Jahren
total weiter entwickelt hätten, obwohl sie damals doch schon so
gut waren. Er schwärmte von den guten Vibes in unserer kleinen
Doors-Family. Er freute sich mit mir, weil Jan-Erik Hubele mir eine
selbst verfasste Kurzgeschichte schreiben wollte, obwohl ich doch nur
um ein Gedicht gebeten hatte. Ich verriet ihm an diesem Abend, dass
Jan-Erik ein ganz großer Poet ist.
Nun liegt dieser Abend schon wieder eine Woche
zurück. Ich sitze hier an meinem Computer und möchte meinen
kleinen Bericht mit einem mystischen Zitat beenden. Am Anfang dieses
Jahres schrieb ich einen Brief an Eugen Drewermann. Er ist wohl der
bedeutendste Theologe unseres Jahrhunderts. Er war ein katholischer
Priester, dem man das Lehramt entzogen hat; und vor kurzem ist er aus
der katholischen Kirche ausgetreten und hat sich die Freiheit
geschenkt. Er ist auch ein bedeutender Psychoanalytiker und er hat
unzählige Bücher geschrieben und viele Vorträge
gehalten. Manchmal ist er auch im Fernsehen zu sehen. Ich verehre ihn
sehr. Man nennt ihn auch Jesus von Paderborn, weil er kaum etwas
besitzt und seine Einnahmen den Armen spendet. Für mich ist er
einer der bedeutendsten Menschen auf diesem Planeten, ein wahrhaft
Erleuchteter wie der Dalai Lama. Man kann sich vorstellen, wie erfreut
ich war, als Eugen Drewermann auf meinen Brief ganz persönlich und
sehr liebevoll geantwortet hat. Dieser Brief ist für mich das
Wertvollste, was ich jemals besessen habe. Er schenkte mir auch zwei
Bücher. Eines der Bücher heißt »Leise von Gott
reden. Meditationen.« Um den Kreis zu schließen,
möchte ich noch einmal daran erinnern, dass Jim Morrison einige
Zeilen von William Blake entlieh, als er den Song »End Of The
Night« geschrieben hat. Der Name »The Doors«
entstammt auch einem Gedicht von William Blake. William Blake war ein
christlicher Mystiker. Und nun fand ich in dem Buch von Eugen
Drewermann folgende Zeilen: »Es scheint schon zur Zeit des
ausgehenden 1. Jahrhunderts nach Christus, zur Zeit der Kirche des
Johannes, die Frage zu sein, wie man denn mit Berufung auf Jesus
Menschen führen könne. In alle Zukunft wird Jesus der
Maßstab für das sein, was wir miteinander machen, auch
für das, was wir in der Kirche mit uns machen lassen. Ein
Hirtenstab lässt sich so oder so benutzen, nach dem Modell der
alten Pharaonen und der gottgleichen Machthaber oder in der Weise des
Hirtenstabs Jesu. Es bleibt bis in die letzten Worte Jesu hinein die
entscheidende Alternative gegenüber seinen Jüngern:
»Ihr wisst, dass die scheinbar Mächtigen sich Wohltäter
nennen, aber sie Willküren herunter auf ihre Untertanen. Bei euch
soll das nicht so sein, sondern wer unter euch groß sein will,
der sei aller Letzter und aller Diener.« Darum kann Jesus hier
sagen: »Ich bin die Tür.«
Das Lied beschwor ein schönes Bild: Wir reisen der Morgendämmerung
entgegen. Dieses Lied ist den Nachtmenschen gewidmet. Die Reise durch diese
Nacht wurde von der Musik der Backdoors getragen, aber weit nach Mitternacht
mussten wir nun einmal das Lokal verlassen. Die Backdoors hatten die geforderten
Zugaben gegeben und mit dem Song „Light My Fire“ waren sie dann für diese
Nacht ausgebrannt.
Am 22. Juli gaben
die Backdoors wohl ihr schönstes Konzert. Der Himmel war
verhangen, als ich mich auf den Weg machte. Nur wenige Tage zuvor hatte
es einen Terror-Anschlag in der Londoner U-Bahn gegeben. Die Zeiten
werden immer unsicherer und verrückter. Manchmal sehnt man sich
danach, einfach alles zu vergessen. Einfach mal abrocken. Eigentlich
wollten zwei gute Freunde mich zu diesem Konzert begleiten, weil sie
große Doors-Fans sind und ich ihnen von den Backdoors schon etwas
vorgeschwärmt hatte, aber sie waren an diesem Tag gerade verreist.
Als ich das Logo in einiger Entfernung vor mir sah, entdeckte ich eine
große Menschentraube, die sich vor dem Eingang versammelt hatte.
Innen war es auch schon gerammelt voll. Es dauerte eine ganze Weile,
bis ich Nina und Jim Lizardking entdecken konnte. Die beiden lassen
auch keinen Backdoors-Abend aus, denn diese Doors-Coverband ist nun
einmal unser Liebling in der Hansestadt. Der Gitarrist erzählte
mir von der Aufregung der Band an diesem Abend, was den Musikern aber
nicht anzumerken war, als der schwarze Vorhang sich langsam
öffnete. Gleich am Anfang überraschte mich der satte Sound
der Gruppe. Nach fünf Minuten hatten die Musiker schon das
Publikum auf ihrer Seite. Der Sänger ließ den Freiheitsdrang
eines Jim Morrison aufleben und heizte richtig ein. Ich entdeckte
an diesem Abend ganz junge Gesichter im Publikum. Das Flair der Truppe
muss sich jetzt auch unter den Kids herumgesprochen haben.
An diesem Abend hatte die Band auch die heiteren Seemannslieder im
Repertoire, die Jim Morrison geschrieben hatte. Das Logo verwandelte
sich ganz langsam in ein fröhliches Narrenschiff und die Leute
flippten aus. Der Keyboarder zeigte an diesem Abend, wie aufregend ein
Solo in Stücken wie »When The Music’s Over « und
»Riders On The Storm « sein kann. Ich sah seine Finger in
Lichtgeschwindigkeit über die Tasten fliegen. Er war unglaublich
konzentriert bei der Arbeit. Seine Lippen kommentierten unhörbar
jede Note in der Musik, als wäre er in einen wichtigen Dialog
vertieft. Der Gitarrist beeindruckte das Publikum aber ebenso, denn die
Leute vergaßen ihren Tanz, als er das Publikum mit seinen
schönen Soli verzauberte. Die Bassistin spielte an diesem Abend so
souverän wie immer. Sie ist unglaublich gut geerdet und lässt
sich niemals aus der Ruhe bringen. Ihr Saxophonspiel imponiert allen
Männern und ihr Lächeln ist bezaubernd. Der Schlagzeuger war
an diesem Abend ebenso konzentriert bei der Sache wie der Keyboarder.
Der Mann hat einfach Taktgefühl und kann
sich - wie einst John Densmore - auf musikalische Dialoge mit dem
Sänger einstellen.
Am Ende des Abends wagte ein junger Mann den großen Sprung von
der Bühne, nachdem er dreimal geübt hatte. Zwei junge
Männer flogen im Rhythmus der Musik wie schillernde
Kampfhähne durch die Luft, weil die Musik sie so angetörnt
hatte. Alle waren sie vom Doors-Virus befallen, aber diesmal riefen sie
nicht nach den Doors, sondern nach den Backdoors, denn diese Band
liefert nicht nur eine Imitation. Die Hütte war voll an diesem
Abend und die Rufe nach Zugaben wollte kein Ende nehmen. Der
Sänger musste den Zuschauern ganz erschöpft mitteilen, dass
eine weitere Zugabe nicht erlaubt war, denn sonst hätte man das
Ordnungsamt wegen der Lautstärke auf den Plan gerufen. Die Musik
der Backdoors unterliegt ständig einem kreativen Wandel und das
scheint bei den Zuschauern sehr gut anzukommen. Wenn das so weitergeht,
wird das Logo für die Truppe zu klein! Meine Freunde waren
übrigens unglaublich enttäuscht, dass sie den Auftritt der
Backdoors verpasst haben. Aber dafür wird die Freude beim
nächsten Mal umso größer sein, wenn das Narrenschiff
wieder in See
sticht.
Backdoors live im Logo Hamburg
Glühend in der Meere trunkener Wirbel
kommt der Erde Rache
um die missbrauchte Krone zu retten
zertrümmert und auf den Misthaufen geschleudert
von den Geld besessenen Glaubensbrüdern der Habgier
mit ihrer Klage
uns vom Munde nehmend
was sie einst gab - in Liebe
um die Wracks hoch zu würgen
und wieder auszuspucken
weit unten
immer wieder aufs Neue
Ihr feuriges stürmisches Herz
pumpt Blut aus den Venen der Ozeane
ausstoßend in Krämpfen
den anschwellenden Zorn und die Ängste
sich ausbreitend in Äonen von Jahren
bis das Beben aufhört und alles friedlich ist
wie der Grund ihrer Gedanken
dann wird die Erde befriedigt sein
und bereit - für einen neuen inneren
explosiven Anfang